Rembrandt Harmensz. van Rijn, Der Zeichner nach dem Modell, Inv. Nr.: DG1926/329
Der Zeichner nach dem Modell
Rembrandt Harmensz. van Rijn, Der Zeichner nach dem Modell, Inv. Nr.: DG1926/329
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Der Zeichner nach dem Modell

Rembrandt Harmensz. van Rijn

um 1639




Künstler:in (Leiden 1606 - 1669 Amsterdam)
Dateum 1639
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesRadierung und Kaltnadel
Dimensions23,2 x 18,4 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG1926/329
Edition1. Zustand (Seidlitz/Hollstein); 1. Zustand (New Hollstein)
Inscribedl.u. "c.f." (in Feder)
Text

Der seltene erste Zustand dieser Radierung zeigt einen Künstler, der in seinem Atelier nach einem stehenden weiblichen Modell zeichnet, das einen Palmenzweig in der Hand hält. Auf die Ateliersituation weisen die dargestellten Gegenstände hin: Links an der Wand hängen ein Schild, ein Schwert, ein Köcher und ein Barett mit einer Feder - häufig vorkommende Attribute in den Arbeiten eines Historienmalers. Hinter dem Künstler ist eine Staffelei mit einer leeren Leinwand zu sehen, zwischen dem Künstler und der Leinwand befindet sich eine Leinenpresse (die im zweiten Zustand entfernt wurde), rechts auf einem Gesims steht eine weibliche Porträtbüste. Seit dem 18. Jahrhundert war die Radierung lange Zeit unter dem Titel "Pygmalion" bekannt. Diese Künstlergestalt aus der griechischen Mythologie verliebte sich in seine eigene Skulptur und bat Venus, sie zum Leben zu erwecken; die Göttin erfüllte diesen Wunsch. Tatsächlich zeigt Rembrandts Radierung eine weitgehende Ähnlichkeit - vor allem in Bezug auf die stehende weibliche Rückengestalt - mit der 1615 entstandenen Radierung "Pygmalion" von #Feddes van Harlingen (Hollstein Dutch & Flemish 6, S. 234, Nr. 21). Ein großer Unterschied besteht jedoch in der jeweiligen Rolle des Künstlers: In der früheren Radierung ist dieser in die verliebte Betrachtung seiner Schöpfung vertieft; bei Rembrandt dagegen ist der Künstler mit dem Zeichnen seines Aktmodells beschäftigt, das er - herausstechend sind die kreisrund stilisierten Augen - intensiv zu beobachten scheint.
Als ein weiteres Vorbild für die stehende Rückenfigur gilt die Gestalt des Ruhmes in einer Radierung von #Jacopo de' Barbari, die einen Palmenzweig hält (Bartsch 13, 18). Heute überwiegt die Meinung, dass Rembrandts Radierung als eine Allegorie anzusehen ist, in der die Verherrlichung der Zeichenkunst vorgeführt wird. Seit der Renaissance wurde die Kunst des Disegno - in ihrer zweifachen Bedeutung von Zeichnung und Entwurf - als Grundlage aller Kunstgattungen gesehen, in der sich die künstlerische Idee am Unmittelbarsten manifestiert. 
Warum Rembrandt die Radierung auch im zweiten Zustand unvollendet gelassen hat, ist nicht bekannt; möglicherweise geschah dies im Hinblick auf die hohe Wertschätzung, die solche fragmentarischen Blätter bereits zu seiner Zeit bei Sammlern genossen. Jedenfalls konnte auf Grund papiertechnischer Untersuchungen - besonders in Bezug auf die Wasserzeichen - festgestellt werden, dass der zweite Zustand 1640 wiederholt gedruckt wurde. Danach ließ Rembrandt die Platte offenbar bewusst unverändert; erst über ein Jahrzehnt später wurden von demselben - nach wie vor gut erhaltenen - Zustand weitere Drucke angefertigt. Der hier gezeigte erste Zustand zeigt das stehende Modell noch ohne Schemel unter den Füssen. Vor der Entstehung des zweiten Zustandes fertigte Rembrandt - mit Hilfe eines Abklatsches des ersten Zustandes - eine Zeichnung an, um die Position der Füße zu klären, wobei er erstmals zur Lösung mit dem Schemel gelangte.

Rembrandt, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Marian Bisanz-Prakken, Wien 2004, Abb. 61, S. 156.

Catalogue raisonné
  • Bartsch 1797 192
  • Hollstein Dutch & Flemish XVIII.92.B 192 I
  • White/Boon B 192 I
  • New Hollstein Dutch & Flemish 176 I
  • Bibliography
  • AK Albertina 1970/71, Nr. 116
  • AK Berlin u. a. 1991/92, Bd. 2, Radierungen, Nr. 15 (H. Bevers)
  • AK Amsterdam/London 2000/01, Nr. 36 (E. Hinterding)
  • AK Albertina 2004, Nr. 61 (M. Bisanz-Prakken)
  • Pygmalions Werkstatt. Die Erschaffung des Menschen im Atelier von der Renaissance bis zum Surrealismus, Ausst.-Kat. München Lenbachhaus 2001, Kat. 71
  • Provenance
  • Hofbibliothek

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    Last edited04.11.2025