Paulus predigt den Athenern
Marcantonio Raimondi
um 1520-1522
Marcantons Kupferstich "Paulus predigt den Athenern", der bereits bei Vasari (Bd. V, S. 413) erwähnt wird, gibt eine der Darstellungen aus Raphaels Teppichserie seitenverkehrt wieder. Er entstand aber nicht nach dem Karton oder dem Teppich, da sich etwa die Architekturen wesentlich unterscheiden, die dort links bis zum oberen Abschluss weitergeführt sind. Raphael hat auch die Kleidung der Figuren und die Köpfe noch geändert. In Florenz befindet sich eine Rötelzeichnung, in der Raphael die für die Komposition zentralen Figuren an Modellen studiert hat (Joannides 1983, Nr. 365). Weitere Studien folgten, die Raphael schließlich zu einem Modello ausgearbeitet hat. Dieser ist durch zwei Zeichnungen in Florenz und in Paris überliefert (Ferino Pagden 1984, Nr. 14; Cordellier/Py, 1992, Nr. 413). Shearman (1972, S. 106; ebenso Joannides 1983, Nr. 366r) hat in jüngerer Zeit die Pariser Zeichnung als #Giovanni Francesco Pennis originalen Modello für den Karton angesehen und das Blatt in Florenz, wie zuvor Kristeller (1907, S. 206, Anm. 1) als Kopie danach. Laut Oberhuber (1972, S. 139, Nr. 452) ist das Blatt im Louvre aber eine Kopie nach dem verlorenen Modello Raphaels. Die Florentiner Zeichnung ist in der Wiedergabe des Rundtempels überzeugender als das Blatt in Paris und zeigt Abweichungen in den Köpfen, die auch beseelter wirken. Man wird somit auch bei dieser Zeichnung annehmen dürfen, dass sie nach dem verlorenen Modello Raphaels entstanden ist. Marcantons Stich muss aber ein anderer - heute ebenfalls verlorener - Entwurf vorgelegen haben, wie Delaborde (1888) und ausführlich Kristeller (1907) dargelegt haben. Als Beweis genügt, dass im Stich, im Karton und im Teppich, aber nicht in den Kopien, der Sitzende auf der Treppenstufe links und der Zuhörer, der beide Hände unter dem Mantel verschränkt hat, einen vollen Bart tragen.
Die Datierung von Marcantons Stich wird kontrovers diskutiert. Shoemaker (1981) etwa datiert ihn um 1517-1520, während Oberhuber (1984, S. 339) an eine Entstehung nach Raphaels Tod denkt. Davidson (1954, S. 157 f.) vermutet, dass ein Zusammenhang mit der Aufhängung von sieben Teppichen in der Sixtinischen Kapelle Ende des Jahres 1519 besteht.
Marcantons "Christus, Maria, Johannes der Täufer und die heilige Katharina von Alexandrien und Paulus" (Inv. DG1970/330), der auf einem der spätesten Entwürfe Raphaels basiert und daher in die Zeit um 1520 datiert werden darf, zeigt vergleichbar kräftige Figuren und ein ausgeprägtes Helldunkel. Marcanton legt dort aber mehr Wert auf die Modellierung der Oberfläche und sucht durch dichte kurvige Linien die Einbindung der Figuren in den Raum zu gewähren. Bei der "Predigt des Paulus" werden die Strichlagen kürzer und härter, stauen sich regelrecht. Die lichtbestrahlten Partien sind aus dem Liniensystem ausgespart und daher sehen die Körper wie gemeißelt aus. Die Isolierung und zunehmende skulpturale Starrheit der Figuren sind typische Charakteristika von Marcantons Spätstil. Direkt zu vergleichen ist der Stich "Martha führt Magdalena zu Christus" (Inv. DG1970/289), der üblicherweise nach Raphaels Tod datiert wird (Shoemaker 1981, Nr. 56). Wie dort tragen die Figuren metallisch glänzende Gewänder und agieren auf einer abstrakten Raumbühne, deren Verkürzungen den Raum geradezu durchschneiden. Dabei unterscheidet sich unser Stich noch wesentlich von dem technisch ausgereifteren "Martyrium des heiligen Laurentius" von ca. 1525 (Inv. DG1970/325), so dass eine Datierung um 1520-1522 plausibel erscheint.
Eine Kopie nach Marcantons Stich befindet sich in Frankfurt, die laut Popham (1971, Nr. 144, Pl. 207) ein Original #Parmigianinos ist, aber von Pouncey (1976, S. 174) zu Recht als Nachzeichnung nach einem verlorenen Blatt Parmigianinos bestimmt wurde.
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 12, S. 74.
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