Weiblicher Halbakt, an einem Ofen sitzend
Rembrandt Harmensz. van Rijn
1658
Rembrandts früheste, höchst realistische Radierungen von nackten weiblichen Modellen stammen aus der Zeit um 1631. Erst im Jahre 1658 griff der Künstler diese Thematik in vier autonomen Radierungen wieder auf. Was diese Arbeiten bei allen Unterschieden miteinander verbindet, ist das Motiv der in sich ruhenden, im Ambiente atmosphärisch aufgehenden Einzelgestalt. Innerhalb dieser Gruppe, die von der sinnlichen Schärfe der früheren Aktdarstellungen weit entfernt ist, weist die gezeigte Radierung das größte Format auf. Zugleich ist es das einzige Beispiel, das ein nur halb entkleidetes Modell vorführt; in den anderen drei Radierungen gab Rembrandt die posierenden Frauen jeweils ganz entblößt wieder. Die auf einem Sessel sitzende Frau hat das Oberteil ihrer Bekleidung abgelegt und wärmt sich mit geschlossenen Augen beim Ofen des Ateliers; ihr nackter linker Fuß ruht auf dem bereits ausgezogenen Schuh.
Von dieser Radierung sind sieben Zustände bekannt, in denen Rembrandt vor allem den Hintergrund und die Bekleidung mehrfach geändert hat. Im vierten Zustand fügte er am linken Rand der Rauchabfuhr einen Schlüssel hinzu, der auch in den darauffolgenden Zuständen - zu sehen ist hier der fünfte - vorhanden ist. Im sechsten Zustand entfernte er aus nicht nachvollziehbaren Gründen das weiße Häubchen der Frau.
Bezeichnend für Rembrandts Kompositionsweise der späten Jahre ist die schlichte, geometrisierende Gliederung der Wandfläche, in die auch die rechteckigen Formen des Ofens und der abgewinkelten Rauchabfuhr integriert wurden. Vor diesem dunkel schimmernden Hintergrund hebt sich die sitzende Frau wie ein Denkmal ab. Ihr Profilgesicht und ihr dem Betrachter zugewandter Oberkörper leuchten prägnant hervor; subtil modelliert das von rechts einfallende Licht die Einzelheiten der nackten Haut, mit deren fein gestrichelten Schattierungen die scharfen Linien der zerknitterten, nachlässig abgelegten Oberbekleidung markant kontrastieren. Einmal mehr entfaltet Rembrandt hier das reiche Spektrum seiner grafischen Fähigkeiten - von dem dicht schraffierten Hintergrund und dem kräftigen, schwungvollen Lineament des dunklen Rocks bis hin zur höchst nuancierten Beschreibung des Gesichts, der Haut und der hellen Textilteile. Die alltägliche Momentaufnahme ist von einer meditativen Stimmung und einer monumentalen Würde geprägt.
Das Zeitalter Rembrandts, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 2009, Abb. 62, S. 140.
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