Der "Omval"
Rembrandt Harmensz. van Rijn
1645
Auffallend an dieser Landschaftsradierung ist die Baumformation links im Vordergrund, in deren tiefem Schatten sich kaum erkennbar eine pastorale Liebesszene abspielt. Ausgearbeitete Partien stehen neben offenbar bewusst unvollendet belassenen. Im Kontrast dazu öffnet sich rechts die geordnete Flusslandschaft entlang der Amstel. Die Gegend heißt bis heute »De Omval«, nach einer Ruine, die sich hier ursprünglich befand.
Auffallend an dieser Landschaftsradierung ist die übergroße, fast dramatische Betonung der dichten, bewegt strukturierten Baumformation im Vordergrund, in deren tiefem Schatten sich, kaum erkennbar, eine pastorale Liebesszene abspielt. Der ganz rechts herausragende Ast ist auch im zweiten, hier gezeigten Zustand der Radierung offenbar bewusst unvollendet gelassen; bereits im ersten Zustand, in dem die Wirkung der tiefschwarzen Kaltnadellinien im Vordergrund noch manifester ist, setzte Rembrandt Signatur und Datum. Zweifellos haben bei der eigenwilligen Baumform die Zeichnungen und Radierungen von großen, unregelmäßig gewachsenen Bäumen eine Rolle gespielt, die im frühen 17. Jahrhundert in den Landschaftsradierungen und -gemälden von #Jacques de Gheyn, #Roelant Savery und anderen nord- und südniederländischen Künstlern häufig als Repoussoirmotiv anzutreffen sind.
Mit feinen Linien registrierte Rembrandt die sich rechts öffnende Flusslandschaft, die sich in mehrere Raumschichten gliedert: der Uferweg mit der Rückenfigur eines Mannes, die Amstel, auf der eine überdeckte Fähre vorbeizieht, und die gegenüberliegende Uferpartie. Diese Gegend heißt bis heute "De Omval", nach einer Ruine, die sich hier ursprünglich befand. Spiegelbildlich zeigt sich hier die damals wirkliche Situation: Häuser, Windmühlen, die damals vielbesuchte Herberge "De Omval", eine Werft, eine Reihe am Ufer liegender Schiffe und ganz rechts die dunkle Öffnung einer Leitung, durch die das Wasser der nahegelegenen Polder in die Amstel floss. Auf prägnante Wiese stehen diese von Licht und Luft durchtränkte Flachlandschaft und die wirre, dunkle Vordergrundpartie einander gegenüber. Dem Betrachter öffnen sich zwei konträre Wirklichkeitsebenen.
Rembrandt, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Marian Bisanz-Prakken, Wien 2004, Abb. 170, S. 344.
