Das Martyrium der heiligen Cäcilie
Marcantonio Raimondi
um 1516-1519
Vasaris falsche Bezeichnung des Stichs als "Martyrium der heiligen Cäcilie und die Enthauptung ihrer Söhne", hat zuerst Passavant richtiggestellt (Bd. IV, S. 354; Bd. V, S. 411). Es handelt sich um das Martyrium der heiligen Cäcilie und die Enthauptung ihres Gatten Valerian und dessen Bruder Tiburtius, deren Körper rechts auf dem Boden liegen. Dahinter ist Jupiter thronend in einer Nische zu erkennen. Alle Bewegungen sind auf die Märtyrerin konzentriert, die vom Zentrum leicht nach links versetzt ist und zusätzlich von dem herabschwebenden Engel mit Kranz und Palme betont ist. Der Blick vermag an den rahmenden Architekturen und den halbkreisförmig um den Kessel angeordneten Figuren vorbei auf eine weite Landschaft im Hintergrund gleiten. Wie die Inschrift angibt, entstand der Stich nach einem Entwurf Raphaels, der allerdings nicht erhalten ist. Die asymmetrische kompositionelle Anlage mit den zwischen den hochragenden Säulen angeordneten Figuren erinnert an Marcantons Stich "Salomo und die Königin von Saba" (Bartsch 1803-1821, 14, Nr. 13), der vermutlich auf eine Erfindung Raphaels um 1513/14 zurückgeht. Das "Martyrium der heiligen Cäcilie" war zugleich auf einem der Raphael-Werkstatt zugeschriebenen Lünettenfresko in der Kapelle der päpstlichen Residenz Villa Magliana dargestellt (AK Paris 1983/84, S. 120, Abb. 21; Sricchia Santoro 1985, S. 170; Cordellier/Py 1992, S. 509 f.). Die Ausschmückung der Kapelle wurde bereits unter #Julius II. durch #Francesco Alidosi begonnen, der seit 1505 Kardinal von S. Cecila in Trastevere war. Dadurch ließe sich das Thema des Freskos erklären, das sich laut Passavant (1860, Bd. 2, S. 227) in der Lünette an der linken Seite der Kapelle befand. Der mittlere Teil wurde bei der Errichtung einer Tribüne 1830 zerstört. Aus derselben Ausmalungszeit, die womöglich um 1513-1514 anzusetzen ist (Cordellier/Py 1992, S. 510), stammt auch das nach einem Entwurf Raphaels gemalte Fresko im Louvre mit einem segnenden Gottvater, das sich ehemals in der Apsiskalotte über dem Altar befand ( AK Paris 1983/84, S. 120, Abb. 20-21). Wie die anderen Fresken der Kapelle, die wohl aus der früheren Dekorationsphase stammen und bisweilen dem Perugino-Schüler #lo Spagna gegeben werden (es handelt sich um eine "Verkündigung" und eine "Heimsuchung"; Bianchi 1942, Tav. XV - XVII) wurde das "Martyrium der heiligen Cäcilie" abgenommen und befindet sich heute in Narbonne.
Lässt sich Raphaels Erfindung vermutlich um 1513-1514 datieren, so dürfte Marcantons Stich, der eines seiner Hauptwerke ist und sein vollendetes technisches Können zeigt, vermutlich später entstanden sein. Die kräftig hervortretenden Figuren links vorne, die weiter hinten ins Dunkel gehüllte Gruppe, die Flammen des lodernden Feuers und die großflächig über den Boden streifenden Schatten machen den Reichtum der Tonabstufungen deutlich. Dabei entfalten sich die Handlungen mit größter Klarheit im Raum. Die Modellierung ist bereits variierter und die Bewegungen sind geschmeidiger als im "Quos Ego" von ca. 1515/16, zumal Marcanton der Landschaft nun auch eine größere Tiefe zu geben vermag. Eine Datierung des Stichs nach Raphaels Tod ist auszuschließen (Shoemaker 1981), da Marcanton in dieser Zeit ein kontrastreicheres Liniensystem ausbildet, und die Figuren stärker voneinander trennt und skulpturaler und starrer auffasst (vgl. "Martha führt Magdalena zu Christus", Inv. DG1970/289) Womöglich hat Marcanton die Komposition um 1516-1519 gestochen.
Die Darstellung war von größter künstlerischer Wirkung u.a. auch auf #Parmigianino, der sie in seinen Entwürfen für das "Martyrium des heiligen Petrus und die Verurteilung des heiligen Paulus" (London, British Museum) zum Vorbild verwendet hat. Die verschiedenen Kopien nach dem Stich sind bei Delaborde (1888, S.141-143) aufgeführt.
Zwei in den Maßen mit dem Stich nahezu übereinstimmende Zeichnungen in der Albertina (Birke/Kertész I, S. 123 f., 212) und in Haarlem (Teylers Museum; Meijer 1985, S. 38-40, Fig. 19) geben die Darstellung gegenseitig mit geringfügigen Veränderungen wieder. Da sie in manchen Details lebendiger sind als der Stich, könnten beide Kopien nach dem verlorenen Entwurf sein.
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 13, S. 76.
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