Die Six-Brücke
Rembrandt Harmensz. van Rijn
1645
Rembrandt ist der bedeutendste Radierer aller Zeiten, der wie kein anderer die gestalterischen Möglichkeiten des Mediums ausschöpfte. Im Unterschied zum Kupferstich, wo der Entwerfer meist mit einem professionellen Stecher zusammenarbeitet, ermöglicht die Radierung dem Künstler die gleiche zeichnerische Leichtigkeit und Spontaneität wie eine Handzeichnung. Auf der Suche nach immer neuen Ausdrucksmöglichkeiten kombinierte Rembrandt dazu Kaltnadel und ließ im Druck den »Plattenton« mitwirken. Seine radierten Landschaften entstanden wohl nicht vor Ort, sondern wurden im Atelier auf Grundlage von Skizzen angefertigt. Es gibt Motive, die sich lokalisieren lassen und reale Örtlichkeiten zeigen; andere kombinieren unterschiedliche Ansichten miteinander oder sind frei erfunden.
Der traditionelle Titel dieser Radierung, "Die Brücke von Six", geht auf das 1731 erstellte Inventar des Amsterdamer Kunstsammlers #Valerius Röver zurück, in dem die Landschaft als "Six bruggetje" (kleine Six-Brücke) bezeichnet wird. In seinem 1751 (posthum) publizierten Verzeichnis der Rembrandt-Radierungen bestätigte #Edmé-François Gersaint diese Identifikation und fügte die folgende Anekdote hinzu: Jan Six schloss mit Rembrandt eine Wette ab, dass dieser nicht in der Lage wäre, eine Radierung zu schaffen innerhalb der Zeit, die ein Diener benötigen würde, um sich aus dem benachbarten Dorf einen Vorrat Senf zu besorgen. Rembrandt, der - so Gersaint - immer präparierte Kupferplatten bei sich getragen habe, gewann die Wette; das Ergebnis wäre die hier gezeigte Radierung. Ausgestellt ist hier der dritte Zustand, der durch die Schattierung der Hüte beider Männer erkennbar ist.
Wie wir heute wissen, stimmt die Bezeichnung "Six-Brücke" nicht. #Frits Lugt, der sich mit der Topographie von Rembrandts Landschaftszeichnungen eingehend befasst hat, erkannte den richtigen Standort der Landschaftsdarstellung: Am Horizont zeichnet sich die Kirche von Ouderkerk ab; demzufolge muss Rembrandt sich auf dem am linken Amstel-Ufer befindlichen Landgut "Klein-Kostverloren" aufgehalten haben, das sich im Entstehungsjahr der Radierung (1645) im Besitz von #Albert Coenraedsz.Burgh befand. Dieser sollte später - ebenso wie der Rembrandt-Freund Jan Six - Bürgermeister von Amsterdam werden; der Besitz von Jan Six jedoch lag bei Hillegom.
Die apokryphe Geschichte der Six-Wette - immerhin ein Indiz für die bis ins 18. Jahrhundert tradierte Bewunderung für Rembrandts schnelle und spontane Arbeitsweise - hat zu unterschiedlichen Interpretationen geführt. Holm Bevers schließt die Möglichkeit, dass Rembrandt unmittelbar auf der präparierten Platte im Freien radiert hat, aus arbeitstechnischen Gründen aus und nimmt an, dass er die spontan angefertigte, aber wohlüberlegt komponierte Landschaft unter eventueller Zuhilfenahme einer vorbereitenden Zeichnung in der Werkstatt ausgeführt hat. Martin Royalton-Kisch dagegen meint, dass es - eben auf Grund des spontanen, skizzenhaften Charakters und der topographischen Bestimmbarkeit - nicht undenkbar wäre, dass der Künstler in diesem Fall vor Ort gearbeitet hat. Die oben zitierte Bemerkung von Gersaint, dass Rembrandt immer präparierte Platten bei sich getragen habe, sei nicht ohne weiteres als unwahr von der Hand zu weisen. Es sei, so der Autor, durchaus vorstellbar, dass Rembrandt die mehr spontan wirkenden Landschaftsradierungen im Freien angefangen und zu Hause - mit Hilfe von Skizzen - vollendet haben könnte.
Von Rembrandt und seinen Zeitgenossen gibt es eine Vielzahl an Zeichnungen und Radierungen, die Motive der hier besprochenen Gegend wiedergeben.
Rembrandt, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Marian Bisanz-Prakken, Wien 2004, Abb. 171, S. 346.
