Herkules und Antaeus
Marcantonio Raimondi
um 1520-1522
Marcantons Kupferstich "Herkules und Antaeus" wird gewöhnlich in die frühen zwanziger Jahre datiert, und obwohl noch Bartsch den Entwurf auf Raphael zurückführte, nimmt man gewöhnlich an, dass die Vorzeichnung von #Giulio Romano stammt (vgl. Passavant 1860-1864, Bd. 6, S. 28, Nr. 174; AK Albertina 1966, S. 102, Nr. 144; Trotter 1974, S. 12-14; Shoemaker 1981, S. 162-164). Es spricht jedoch alles dafür, dass Marcantons Stich nach dem Clair-obscur von #Ugo da Carpi entstanden ist, dem eine Zeichnung Raphaels als Vorlage diente (Karpinski 1971, Nr. 117.14).
In Marcantons gegenseitigem Stich entspricht zwar die Zweiergruppe in den äußeren Formen Ugos Clair-obscur, doch sind die Bewegungen gleichförmiger, ohne Spontaneität und inneren Ausdruck. Die im Holzschnitt Ugos differenzierte Muskulatur ist bei Marcanton überall zu einer gleichförmigen Glätte und Rundung reduziert. Bei Ugo sind die Beine des Herkules unterschiedlich belastet und der Übergang zur Hüfte ist von größter Organik, während Marcanton all dies schematischer darstellt. Auch die Unterscheidung zwischen dem massigen und kraftvollen Körper des Herkules und der schlanken und sehnigen Statur des Antaeus ist abgeschwächt. Bei Ugo ist der vergebliche Versuch des Antaeus, sich aus der erdrückenden Umklammerung zu befreien, in den angespannten Muskeln des Oberkörpers, den sich verkrampft festkrallenden Fingern bis hinein zu den abgespreizten Zehen zu spüren. Marcanton hat den Schmerz nicht mit dieser Intensität wiederzugeben vermocht, zumal er die Körper weniger eng aneinander bindet und die Verkürzungen überall abschwächt. Der Vordergrund, der sich bei Ugo kontinuierlich in die Tiefe zieht, verliert bei Marcanton durch das betonte Absetzen der einzelnen Erdhügel an Raumtiefe. Wie viel freier und atmender wirkt der Raum in Ugos Holzschnitt. Die Äste der Baumgruppe winden sich dort in die Tiefe, über den gebogenen Stamm ist locker das Löwenfell geschlagen, und der Busch setzt sich mit üppiger Belaubung vor dem Tempel ab. All dies gibt Marcanton wesentlich flächiger wieder. Bei der Architektur, die bei Marcanton etwas steiler ist, kam es offensichtlich auch zu Missverständnissen. Am Giebel ist die Untersicht abgeschwächt, und die Steine, die sich bei Ugo abgelöst haben und im Gebälk fest verkeilt sind, sind im Stich ohne Verbindung mit der Architektur. Wie eine dunkle Kulisse ist der Tempel vor den Hintergrund gestellt, an dem der Blick nicht mehr vorbeigeht und ungehindert in die Tiefe schweifen kann. Aufgrund der Missverständnisse, der zahlreichen Vereinfachungen und der Starrheit der Bewegungen ist auszuschließen, dass Marcanton und Ugo dieselbe Zeichnung Raphaels vorgelegen hat. Vielmehr hat Marcanton den Clair-obscur in seinem typischen Stil der frühen zwanziger Jahre kopiert. Kennzeichnend hierfür ist das kraftvolle Helldunkel, das vor allem die Bewegungen der Figuren mit großer Wucht und Härte hervortreten lässt. Das Liniensystem ist dabei von großer Dichte und Spannung, wobei Marcanton weniger beabsichtigt, den Gliedern Rundung zu geben, sondern die Betonung auf die plastisch geschlossene Oberfläche legt. Dadurch erhält auch der Umriss wieder eine größere Bedeutung. Die marmorartige Glätte und die skulpturale Auffassung der Figuren erinnern dabei an Marcantons Stiche "Heilige Familie mit dem Johannesknaben" (die so genannte "Madonna mit dem langen Schenkel") und "Martha führt Magdalena zum Tempel" (Inv. DG1970/297, DG1970/289), die beide um 1520-1522 entstanden sein mögen. Aus derselben Zeit stammt wohl Marcantons "Herkules und Antaeus". #Agostino Veneziano und #Gaspare Osello (Bartsch 1803-1821, 14, S. 258-260, Nr. 346 A und Nr. 347) haben gleichseitige Kopien nach Marcantons Stich angefertigt. Dieser diente auch einem Holzrelief im Kunsthistorischen Museum in Wien (Inv. Nr. 3940), das 1527 datiert ist (Oberheide 1933, S. 135, gibt irrtümlich 1522 als Datum an), und einem venezianischen Majolikateller von ca. 1550 zum Vorbild (Ravanelli Guidotti 1986, S. 84, Nr. 6).
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 50, S. 111.
