Trajan wird von Victoria bekrönt
Marcantonio Raimondi
um 1518-1520
Bartsch hat den großformatigen Stich, der ein Relief am Konstantinsbogen mit geringfügigen Veränderungen wiedergibt (Bober/Rubinstein 1987, Nr. 158 i), als eines der schönsten und am meisten geschätzten Werke Marcantons beschrieben. Der Stich dokumentiert das große Interesse dieser Zeit an der archäologisch getreuen Wiedergabe antiker Figurenreliefs. Die bildhafte Geschlossenheit erinnert dabei bereits an die Kampfszenen, die #Baldassare Peruzzi, #Perino del Vaga und vor allem #Polidoro Caldara an zahlreichen Häuserfassaden in den zwanziger Jahren dargestellt haben.
Auf der linken Seite wird Trajan von der Personifikation der "Roma" in Empfang genommen und von der Victoria mit einem Lorbeerkranz bekrönt, während rechts Römer gegen die Daker ankämpfen. Marcanton hat auf eine Rahmung verzichtet, dafür die Szene oben erhöht. Er fügte zudem rechts eine verkürzte Mauer ein, die auf dem Stich von #Marco Dente nach einem anderen Relief am Konstantinsbogen (Bartsch 1803-1821, 14, S. 167, Nr. 206), der vielleicht zu derselben Zeit entstanden ist, ebenfalls auftaucht. Der dunkle Hintergrund lässt die Figuren stark hervortreten, ohne den Reliefzusammenhang aufzuheben. Die ungewöhnlich kräftigen Körper mit ihren schweren Gliedern und massigen Köpfen sind von großer innerer Monumentalität. Das Skulpturale wird durch die stark gerundeten Gravuren betont, die vor allem das Voluminöse der Formen betonen und die Bewegungen und die Fältelung der Gewänder nahezu steif wirken lassen. Auf der Oberfläche liegt ein abstrakter, leicht silbriger Glanz. Dabei fällt das Licht von vorne direkt auf die Figuren, wodurch sie der Blick nicht umkreisen kann, sondern auf die Oberfläche geheftet wird. Dies unterscheidet den Stich von den zwei Mädchen mit dem Tierkreiszeichen (Inv. DG1971/403), deren Körper noch wesentlich gerundeter sind und sich dadurch harmonischer mit dem Raum verbinden. Man hat den Stich nach dem Trajansrelief gewöhnlich in die frühen zwanziger Jahre datiert (vgl. Shoemaker 1981; du Boys-Reymond 1978), doch setzen sich in diesen Spätwerken die Figuren viel kontrastreicher voneinander ab. Die plastische und dabei betont flächenhafte Auffassung lässt sich besser mit den Zwickelbildern der Loggia di Psiche (vgl. Jupiter und Amor, Inv. DG1971/352), dem "Rauchgefäß für Franz I." (Bartsch 1803-1821, 14, S. 363, Nr. 489) oder "Christus, Maria, Johannes der Täufer und die heiligen Katharina von Alexandrien und Paulus" (Inv. DG1970/330) vergleichen. Es ist daher eine Datierung um 1518-1520 wahrscheinlich.
Für die Annahme von Delaborde (1888), wonach #Giulio Romano den Entwurf für den Stich lieferte, ergeben sich keinerlei Hinweise. Stegemeier (1974) und Shoemaker (1981) haben vermutlich recht, dass die Vorzeichnung von Marcanton selbst stammt.
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 138, S. 206.
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