Marcantonio Raimondi, Fides, Inv. Nr.: DG1971/394
Fides
Marcantonio Raimondi, Fides, Inv. Nr.: DG1971/394
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Fides

Marcantonio Raimondi

um 1516-1518




Künstler:in ((Argini bei Bologna?) um 1480 - 1527/34 Bologna)
Nach (Urbino 1483 - 1520 Rom)
Dateum 1516-1518
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesKupferstich
Dimensions21,9 x 10,5 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG1971/394
Inscribedl.u. Nummerierung "2"
PortfolioDie Tugenden
Signedr.u. Monogramm "MAF"
Text

Die von Marcanton signierten Stiche stellen die drei gesitlichen und die vier weltlichen Tugenden in Nischen dar (Inv. DG1971/393, DG1971/394, DG1971/395, DG1971/396, DG1971/397, DG1971/398, DG1971/399). Die Nummerierung links unten am Sockel findet sich laut Delaborde (1888, S. 187) nicht auf den frühesten Drucken, doch entspricht sie sicher der intendierten Reihenfolge. "Fortitudo" in der Mitte ist als einzige frontal gezeigt, zu der sich "Iustitia" und "Temperantia" hinwenden. In Blick und Gebärde paarweise aufeinander bezogen sind links "Caritas" und "Fides" und rechts "Spes" und "Prudentia". Symmetrisch angeordnet sind auch "Fides" und "Spes" an zweiter und sechster Stelle, die ihren Blick nach oben zu den Flammen, ihren Attributen, richten. Die Tugenden überschneiden nur leicht den Nischenrand, wobei ihre schwungvollen Drehbewegungen im Halbrund der Nische weiterklingen. Sie sind in der Körperbildung, in den Gewändern und in den Frisuren völlig antikisch aufgefasst.
Die traditionelle Zuschreibung der Entwürfe an Raphael, die noch Bartsch und Passavant vertreten, kann sich auf #Vasaris Angabe in der Vita Marcantons berufen (Bd. V, 413), wonach die Serie nach dessen Vorzeichnungen gestochen wurde. Delaborde (1888, S. 187) hat dies bereits bezweifelt und dachte an einen Schüler wie #Giulio Romano. Hirth (1898) datierte die Serie um 1525 und Frommel (1967/68), der die Entwürfe einem Hinweis Oberhubers folgend #Baldassare Peruzzi zuschrieb, um 1524-1527. Stegemeier (1974) fügte die "Tugenden" dagegen in Peruzzis Werk um 1517-1518 ein. Bianchi (1968) folgte Delaborde, gab Giulio aber nur die drei geistlichen Tugenden und die "Prudentia". "Temperantia", "Iustitia" und "Fortitudo" seien dagegen raphaelischer und bereits 1510-1511 entstanden. Cordellier und Py (1992) setzten sich für die alte Zuschreibung an Raphael und datierten die Vorzeichnungen 1514-1516.
Eine Trennung der Serie in zwei Gruppen ist nicht möglich, da die ausgeprägt plastische Auffassung der Tugenden mit ihren dicken gerundeten Gliedern, den ruckartigen Bewegungen und den gleichförmigen, spitz zulaufenden Gesichtern, völlig einheitlich ist. Die Frauengestalten sind zwar in der Körperauffassung von Raphael beeinflusst, doch fehlt den Bewegungen Leichtigkeit und Grazie. Man beachte, wie ungelenk das Bein der "Prudentia" vorgestellt ist, wie der Rücken schlecht verkürzt und geradezu steif ist und wie "Caritas" fast ungeduldig am Arm des Kindes zerrt. Nur "Temperantia" dreht leichter und schwungvoller. Die Draperien sind mit gleichmäßigen und akribischen Fältelungen versehen, die aber steif sind und sich nicht wirklich um den Körper legen. Der Künstler hat zwar eine profunde Antikenkenntnis, vermag aber die Formen nicht mit innerem Leben zu erfüllen. Bei Raphael schwingen die Bewegungen in den Draperien nach und bilden immer eine harmonische Einheit mit dem Körper. Das Fließende und Geschmeidige, die Organik, die Raphaels Figuren kennzeichnet, ist in den "Tugenden" nicht zu erkennen. Obwohl sie lebhaft in dem Raum ausgreifen, sind sie schwer, ragen säulenhaft auf und scheinen sich nur um die Vertikalachse drehen zu können.
Die Zuschreibung der Entwürfe an Peruzzi ist nichts entgegenzuhalten. Das Gesicht der "Fortitudo" mit den zurückwellenden Haaren, den gebogenen Brauen, dem müde wirkenden Blick und dem Grübchen am Kinn kehrt in Peruzzis gezeichnetem Mädchenkopf in Turin (Frommel 1967/68, Nr. 85, Taf. XXIX) wieder. Dabei ist eine Datierung um 1516-1518, wie sie Stegemeier vorgeschlagen hat, plausibel. Das Kräftige und zugleich noch sehr Statische der "Tugenden" erinnert noch an Peruzzis "Heilige Brigitta" in der 1516 gemalten Ponzetti-Kapelle in Santa Maria della Pace (Frommel 1967/68, Kat. Nr. 42, Taf. XXVIII) und kehrt in den Musen in den Fenstergewänden der Sala delle Prospettive (um 1516-1519) in der Farnesina wieder, die in einem ähnlichen Verhältnis zu den sie umgebenden Nischen stehen (Varoli-Piazza 1987, Fig. 16-23). In derselben Zeit dürfte Peruzzi auch die "Vertreibung der Avaritia aus dem Tempel der Musen" für den Clair-obscur von #Ugo da Carpi entworfen haben (Inv. DG2002/356). In Peruzzis "Tempelgang Mariä" in Santa Maria della Pace und im Karton der "Anbetung-Bentivogli", die beide aus den zwanziger Jahren stammen, bewegen sich die Figuren jedenfalls dynamischer, majestätischer und zugleich mit größerer Elastizität.
Auch die technische Ausführung der Stiche legt eine Datierung um 1516-1518 nahe. Die kontrastreiche Wirkung erinnert zwar an Marcantons Spätstil, doch sind die Figuren noch wesentlich raumhafter wiedergegeben. Ihre Bewegungen werden in der Nische weitergeführt, die durch den kontrastreichen Wechsel vom Dunkel links über einem Lichtkreis in der Mitte zu dem Schlagschatten rechts die kräftige Rundung erhält. Marcanton gibt dem Körper durch ein System aus gleichmäßigen gekurvten Linien, die sich tief in die Platte graben, Plastizität. Die Figuren wirken dabei noch ungelenkig, die Draperien hart, da die Modellierung noch nicht die Dichte und Komplexität des Stiches "Christus, Maria, Johannes der Täufer und die  heiligen Katharina und Paulus" (Inv. DG1970/330) erreicht hat. Bei den "Tugenden" verlaufen die Linien in relativ breiten Abständen und bilden nur einfache Überkreuzungen, wodurch noch keine fließenden Übergänge entstehen können. In der Auffassung vergleichbar ist Marcantons so genannte "Madonna mit der Palme" (Inv. DG1970/300), die wir ca. 1516-1518 datiert haben. Auch dort umstreift das Licht die Figuren und fügt sie harmonisch in den Umraum ein, während sie sich in späteren Stichen stärker vom Grund absetzen. Dort findet sich dasselbe "breitmaschige" Liniensystem, wodurch die Oberfläche einen metallartigen Glanz erhält. Im Stich erhalten somit Peruzzis Figuren ein raphaelischeres Aussehen.

Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 64, S. 127.

Catalogue raisonné
  • Bartsch 1803-1821, 14, S. 294, 387
  • Passavant 1860-1864, 6, S. 34, 205
  • TIB 27.79.387 (294)
  • Bibliography
  • Passavant 1860, Bd. 2, S. 589 f.
  • Delaborde 1888, S. 187 f., Nr. 145-151
  • Hirth 1898, S. 40
  • Davidson 1954, S. 87 f.
  • Bianchi 1968, S. 673
  • AK Cambridge 1974, S. 42 f., Nr. 23 (H. Stegemeier)
  • AK Paris 1983/84, S. 352-354, Nr. 32-38
  • AK Rom 1985, S. 262 f., Nr. IV 1-7 (S. Massari)
  • Cordellier/Py 1992, S. 315 f.
  • AK Mantua/Albertina 1999, S. 124-127, Nr. 63-69 (A. Gnann)
  • Provenance
  • Kaiserliche Hofbibliothek

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    Last edited29.09.2025