Löwenjagd
Marcantonio Raimondi
um 1524-1527
Als Vorlage für Marcantons Stich diente eine seitengleiche und in den Maßen übereinstimmende Zeichnung von #Baldassare Peruzzi in Chatsworth (Jaffé 1994, Bd. 1, S. 118, Nr. 87). Peruzzis Blatt entstand nach einem antiken Löwenschlacht-Sarkophag, der sich heute an der Innenseite des Casino Rospigliosi befindet (Bober/Rubinstein 1986, S. 232 f., Nr. 199). Das Relief, das laut Vasari (Bd. V, S. 417) aus Maiano stammt, wurde bereits im frühen 16. Jahrhundert im Atrium von Alt-St. Peter bewundert und von #Amico Aspertini im Codex Wolfegg kopiert (Bober 1957, Abb. 47). Auch Marcanton gibt in seinem Stich "ROMAE IN IMPLVVIO S PETRI" an, ohne Peruzzi als Entwerfer der Komposition zu nennen. Peruzzis Zeichnung und Marcantons Stich weichen in einigen wesentlichen Punkten von dem Relief ab. Am auffälligsten ist die Einfügung einer Baumreihe über den Köpfen, die den Hintergrund mit einem prachtvoll ausgebreiteten Blattwerk ausfüllt. Die Köpfe der beiden gerüsteten Heroen sind jugendlicher, während die gefallene Gestalt am Boden als Frau gedeutet wurde. Das zwischen den Beinen der "Virtus" durchspringende Tier, dessen Kopf ursprünglich fehlte, gibt die Komposition als Löwe wieder, wohingegen es der barocke Restaurator als Hund ergänzt hat. Gegenüber dem Relief drängen sich die Figuren in dichten und dynamischen Bewegungen aneinander, die zugleich leichter und schwungvoller sind. Dabei ist an den feinteilig ausgearbeiteten Rüstungen, den ornamentalen Haarlocken oder den gebogenen Hälsen der Pferde eine starke Tendenz zum Dekorativen zu spüren, was durch den silbrigen Oberflächenglanz noch verstärkt wird. Peruzzi erlaubte sich gegenüber dem antiken Vorbild wesentlich größere Freiheiten als bei seiner Kopie nach dem "Flussgott Tiber" im British Museum. Die Massigkeit und Schwere der Figuren und die hohe Elastizität der Bewegungen ähnelt Peruzzis "Tempelgang Mariä", und daher ist Frommels Datierung der Stichvorzeichnung um 1524-1527 sicherlich zutreffend. Nachdem Marcanton für #Giulio Romano die Serie mit erotischen Stellungen - die "Modi" - und für #Baccio Bandinelli das "Martyrium des heiligen Laurentius (Inv. DG1970/325) gestochen hat, muss er erneut in Kontakt mit Peruzzi gekommen sein. Der Löwenschlacht-Sarkophag ist damit zugleich einer seiner spätesten Stiche.
Marcanton folgt Peruzzis Zeichnung in allen Einzelheiten, nur sind der Torbogen links vergrößert und der Wald über den gesamten oberen Rand fortgeführt. Der Hintergrund setzt sich nun dunkel von den Figuren ab, die damit stärker reliefartig zusammengebunden werden, was durch das kräftige streifende Licht noch betont wird. Im Gegensatz zu Peruzzi, der sich stärker auf die Beschreibung der Einzelheiten konzentriert, werden die Bewegungen bei Marcanton von einer durchgehenden Dynamik erfasst, und ihm gelingen sogar die Verkürzungen der Gesichter besser als Peruzzi. Im Vergleich zu dem Stich "Trajan von der Victoria bekrönt" von ca. 1518-1520 (Inv. DG1971/368) begnügt sich der Stecher mit einer summarischen Andeutung der Formen und verzichtet auf eine kontinuierliche Modellierung der Figuren. Er verwendet nun ein breitmaschiges Liniensystem, das von großer Flexibilität und Variationsvielfalt ist und die Bewegungen nun vollkommen frei und gelöst wirken lässt. Zugleich sind die Körper kraftvoller und geschmeidiger, was an den muskulösen Gliedern der Figuren, aber auch an den Pferden mit ihren massigen Köpfen und den sehnigen Läufen auffällt. Der Druck zeigt, wie Marcanton in seiner Spätzeit seine Stichtechnik zu große Ökonomie verfeinert hat, ohne an Kraft und Ausdruck zu verlieren. Zugleich sucht er seiner Vorlage eine antikischere Wirkung zu geben.
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 274, S. 366.
