Die Kletterer
Marcantonio Raimondi
1510
Marcantons im Jahre 1510 wahrscheinlich in Rom geschaffener Kupferstich gibt eine Gruppe im linken Bereich von Michelangelos "Schlacht von Cascina" gleichseitig wieder. Im Vordergrund erscheinen drei der Soldaten, die ihre Rüstungen abgelegt und im Arno gebadet hatten und nun alarmiert von dem bevorstehenden Überfall der Pisaner in aller Eile aus dem Wasser springen und sich ankleiden: einer von ihnen klettert gerade ans Ufer, der andere beugt sich vornüber, um einen Kameraden an der Hand aus den Fluten zu ziehen und der Dritte deutet mit ausgestreckter Rechten auf einen Soldatentrupp in größerer Entfernung, der aus einem Wäldchen auf der linken Seite heraus marschiert. Die Dreiergruppe entspricht gewiss getreu der entsprechenden Partie im Karton, da sie in der Grisaillekopie in Holkham Hall identisch wiederkehrt. In dieser sind allerdings die Hände des Ertrinkenden nicht an derselben Stelle wie im Stich, sondern weiter rechts in der Bildmitte zu sehen. Marcanton hat noch zwei weitere Einzelfiguren der "Badenden" gestochen (Bartsch 1803-1821, Bd. 14, S. 351 f., Nr. 472, S. 363, Nr. 488), und man nimmt an, dass er sich vor seiner Ankunft in Rom in Florenz aufgehalten hat und unter den unzähligen Künstlern war, die nach dem Karton gezeichnet haben. Er konnte ihn noch vollständig bewundern, wohingegen #Vasari nur Teilstücke kannte und sich bei seiner ausführliche Beschreibung auf eine Kopie stützen musste, die vielleicht mit jener identisch war, die er selbst bei #Bastiano da Sangallo 1542 in Auftrag gegeben hatte (Tolnay 1947, Bd. 1, S. 212). Vasaris Angaben über die Zerstörung des 1504/05 geschaffenen Kartons sind widersprüchlich. In der Vita #Baccio Bandinellis macht er diesen für die Zerteilung im Jahre 1512 verantwortlich, wohingegen er in der Vita Michelangelos angibt, er sei während der Krankheit #Herzog Giulianos de´Medicis (1515/1516) zu unachtsam den studierenden Künstlern überlassen und von diesen in viele Stücke zerteilt worden (vgl. Vasari, Bd. VI, S. 137f., Bd. VII, S. 161). Keines der später an verschiedene Orte gelangten Fragmente ist heute mehr erhalten. K. Oberhuber (1984, S. 333) hat bemerkt, dass eine Kopie nach den "Badenden" in der Werkstatt Marcantons verfügbar gewesen sein muss, da später auch #Agostino Veneziano zwei Stiche danach angefertigt hat (Bartsch 1803-1821, Bd. 14, S. 318 ff., Nr. 423, S. 344f., Nr. 463). Agostino verwendete hierfür aber möglicherweise seine eigenen Studien, da er sich um 1515-1516 selbst in Florenz aufgehalten hat.
Die Bedeutung, die das Studium Michelangelos für die Entwicklung der Stichtechnik Marcantons hatte, wird bei den "Kletterern" offensichtlich. In den zuvor entstandenen Blättern konzentrierte sich Marcanton zumeist auf eine gleichmäßige harmonische Rundung der Formen und machte die Plastizität an der Oberfläche sichtbar. Bei den Soldaten wird dagegen ein neues Verständnis für das Anatomische an der muskulösen Durchgestaltung des Körpers spürbar. Das differenzierte Strichsystem folgt dem Verlauf der Gliedmaßen und lässt die Muskelerhebungen als natürliche Anspannung erscheinen, wodurch die Figuren größte Lebendigkeit erhalten. Hinsichtlich der Wiedergabe innerer Kräfte und heroischer Körper konnte Marcanton mehr von Michelangelo als von dem stärker idealisierenden #Raphael lernen, und so orientierte er sich zu Beginn in Rom an Werken des Florentiners und stach einzelne Aktfiguren aus Darstellungen am Gewölbe der Sixtinischen Kapelle (Bartsch 1803-1821, Bd. 14, S. 4, Nr. 2, S. 345 f., Nr. 464). Bekanntlich entlehnte er bei den "Kletterern" die Landschaft dem 1508 datierten Kupferstich "Mohammed und der Mönch Sergios" von #Lucas van Leyden (Bartsch 1803-1821, Bd. 7, S. 405 f., Nr. 126), an dessen Stichtechnik sich Marcanton zudem schulte. Dies kommt an einem neuen Reichtum der Tonabstufungen und der Zartheit und Detailliertheit der Linien zum Ausdruck, die von sanften Schwüngen und fein variierten parallelen Lagen in Punktierungen übergehen. Die Formen zeichnen sich nicht mehr hart durch den Umriss ab, sondern fügen sich in das Raumkontinuum ein, verlieren durch das Licht an Schärfe und lösen sich weiter hinten gänzlich im Atmosphärischen auf. Marcanton ließ lediglich den massigen Baum in der rechten Hälfte der Darstellung van Leydens weg und korrigierte die Perspektive des Holzhauses. Das Blatt könnte sich auch deshalb als Vorbild angeboten haben, da es drei größere Figuren vorne und eine Gruppe in einem Waldstück im Mittelgrund links zeigt. Wie erwähnt, gibt die Bastiano da Sangallo zugeschriebene Grisaillekopie in Holkham Hall nicht das gesamte Projekt von Michelangelos Darstellung wieder, in der auf beiden Seiten in größerer Entfernung je eine weitere Szene zu sehen war. Die Soldaten zwischen den Baumreihen in Marcantons Stich, auf die zwei der Badenden ihre Aufmerksamkeit richten und die auch mit Veränderungen auf einer Kopie im British Museum wiederkehren (Wilde 1953, Nr. 85) dürften ein Reflex der linken Nebenszene sein, die im Karton vielleicht nur flüchtig ausgeführt war. Laut J. Wilde sind es möglicherweise Florentiner Krieger, die den bereits in das Gefecht mit den Pisanern verwickelten Kameraden im Hintergrund auf der rechten Seite zu Hilfe kommen. Bei Marcanton fehlen allerdings die Musikanten, wie etwa die von Vasari erwähnten Trommler, von denen einer auf der Kopie im British Museum und auf dem Stich von Agostino Veneziano (dort allerdings im Hintergrund rechts) zu erkennen ist.
Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 7, S. 44.
