Marcantonio Raimondi, Die Karyatidenfassade, Inv. Nr.: DG1971/461
Die Karyatidenfassade
Marcantonio Raimondi, Die Karyatidenfassade, Inv. Nr.: DG1971/461
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Die Karyatidenfassade

Marcantonio Raimondi

um 1516-1519




Künstler:in ((Argini bei Bologna?) um 1480 - 1527/34 Bologna)
Dateum 1516-1519
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesKupferstich
Dimensions34 x 23,7 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG1971/461
WatermarkWasserzeichen auf der Rückseite des Cahierblattes kopiert
Text

Vier bärtige Männer in Barbarentacht tragen das dorische Gebälk des unteren Stockwerks, während im Obergeschoß vier Frauen mit herabhängenden Zöpfen und langem, unter der Brust gegürtetem Chiton, das ionische Gebälk stützen. Dem großen Frauenkopf in der Mitte entspricht eine Tür unten, in der zwei Figuren zu sehen sind, die den Maßstab für die Größenverhältnisse bilden. Die Darstellung der Frauen sind von antiken Musen (vgl. Bober/Rubinstein 1987, S. 79 f., Nr. 39) und Karyatiden abgeleitet, wobei Becatti (1968, Fig. 34-35) als Vorbild für den großen Kopf in der Mitte das in der Renaissance mehrfach gezeichnete Haupt einer Karyatide vom Augustusforum (Echinger-Maurach 1991, S. 194 f., Fig. 11) und eine Karyatide im Vatikanischen Museum (Braccio Nuovo) genannt hat. Die Figuren unten sind von Skulpturen gefangener Barbaren aus trajanischer Zeit inspiriert. Becatti (1968, S. 519) hat hierbei auf die beiden Skulpturen im Palazzo Conservatorio hingewiesen, die sich einst im Palazzo Cesi befanden. Das Portal ist von dem des Pantheons abgeleitet (Burns 1984, S. 435)
Laut Passavant gibt die Fassade das Fragment eines Bauwerks in der Villa Mattei wieder, was sich bislang nicht nachweisen ließ. Thode (1881) dachte vielmehr an einen geistreichen Vergleich zwischen dem dorischen Stil und dem männlichen Charakter und dem ionischen und dem weiblichen Element, der bereits in der Antike angestellt wurde. Laut Bartsch war der Entwurf traditionell #Raphael zugeschrieben, dem u. a. auch Becatti (1968) und Massari (1985) nicht widersprochen haben. Delaborde (1888) hegte jedoch Zweifel, und Du Boys-Reymond (1974) dachte an #Giulio Romano. Durchaus vergleichbar sind jedoch die Karyatiden am Sockel der Stanza di Eliodoro, die sich ebenfalls durch einen Schlagschatten vom Hintergrund abheben. Zu einer von ihnen hat sich ein Entwurf Raphaels in Oxford erhalten (Knab/Mitsch/Oberhuber 1983, Nr. 490). Auch die organische Durchgestaltung der Körper sowie die subtile Unterscheidung der einzelnen Physiognomien (vgl. die Gesichter auf Raphaels Entwurf für das "Reitergrabmal des Francesco Gonzaga" im Louvre) sprechen deutlich für einen Entwurf Raphaels. #Vitruv spricht im ersten Buch über die Baukunst über die Bedeutung der Karyatiden. Die Griechen hatten nach dem Krieg mit den Persern die Männer getötet und die Frauen in die Sklaverei geführt. Die Baukünstler stellten sie an Gebäuden als Bildsäulen zum Tragen von Lasten dar, wodurch sie der Nachwelt ein Andenken für die erlangte Strafe sein sollten. Die Griechen bauten sodann einen "porticus persica", deren Dach von Skulpturen in der Tracht gefangener Barbaren gestützt wurde. Die Fassade ist somit im Zusammenhang mit Raphaels Beschäftigung mit Vitruv entstanden und gibt seine Ideen zu dem Karyatiden- und dem Perserportikus wieder. Bereits #Walter Riff hat das "Karyatidenhaupt" sowie die beiden Karyatiden und die beiden Perser links auf Marcantons Stich als Abbildungen in die deutsche Vitruv-Edition von 1548 eingefügt (S. XIV, XVI, XVIII).
Der Stich wird traditionell Marcanton zugeschrieben, wobei Heinecken (Dictionaire des Artistes ..., Leipzig, 1778, Bd. 1, S. 278, Nr. 9.1) ein bislang unbekanntes Exemplar mit dem Monogramm des Künstlers in der linken unteren Ecke erwähnt. Für die Annahme von du Boys-Reymond (1978), dass der Stich zum großen Teil von Marcantons Werkstatt ausgeführt wurde, ergeben sich keinerlei Hinweise. Die Wiedergabe der Gewänder mit ihren langen und scharfkantigen Falten erinnert direkt an die Figuren im "Martyrium der heiligen Cäcilie" (Inv. DG1970/335) und im "Quos Ego" (Inv. DG1971/361) und die große Regelmäßigkeit und Kontrolliertheit der Linienführung ruft Marcantons so genannte "Madonna mit der Palme" (Inv. DG1970/300) und die beiden "Frauen mit dem Sternzeichen Waage und Skorpion" (Inv. DG1971/403) in Erinnerung. Der Stich ist daher am besten um 1516-1519 zu datieren.

Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 55, S. 116.

Catalogue raisonné
  • Bartsch 1803-1821, 14, S. 385 f., 538
  • Passavant 1860-1864, 6, S. 42, 279
  • Le Blanc, 3, S. 281, 319
  • TIB 27.221.538 (385)
  • Bibliography
  • Thode 1881, S. 3, Nr. 4
  • Delaborde 1888, S. 236-238, Nr. 214
  • Becatti 1968, S. 518 f., Fig. 33
  • du Boys-Reymond 1978, S. 167-169
  • Burns 1984, S. 435, Nr. 3.4.5
  • AK Rom 1985, S. 266, Nr. I, 1 (S. Massari)
  • Echinger-Maurach 1991, Bd. 1, S. 195, Anm. 141, Bd. 2, Abb. 18
  • AK Mantua/Albertina 1999, Nr. 55 (A. Gnann)
  • Provenance
  • Albertina, Altbestand

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/124763/die-karyatidenfassadeImage Request
    Last edited02.10.2025