Jan Six
Rembrandt Harmensz. van Rijn
1647
Jan Six (1618-1700) stammte aus einer hugenottischen Adelsfamilie, die Ende des 16. Jahrhunderts aus Frankreich nach Amsterdam geflohen war. Bis ca. 1652 führte er das auf Handel und Seidenfärberei spezialisierte Familienunternehmen, 1656 übernahm er ein Richteramt, bis er 1691 zu einem der Bürgermeister von Amsterdam ernannt wurde. Jan Six war literarisch gebildet und ein begeisterter Sammler von Kunstgegenständen, darunter Zeichnungen, Radierungen und Gemälde von Rembrandt, mit dem er über mehrere Jahre einen engen Kontakt pflegte.
Die hier gezeigte, 1647 datierte Radierung ist das früheste Zeugnis des Kontaktes zwischen dem Künstler und seinem um zwölf Jahre jüngeren Mäzen. Auffallend ist der bildmäßig durchgeführte, detaillierte Charakter dieser druckgrafischen Arbeit, der umso mehr erstaunt, als Rembrandt sich als Zeichner und Grafiker gerade in den späten 1640er-Jahren einem knapp formulierenden Stil zuwandte. Die sorgfältige Ausführung geht zweifellos auf den Wunsch des Auftraggebers zurück, der sich, lesend beim Fenster und umgeben von Büchern, in der lässig-vornehmen Pose eines Gelehrten darstellen ließ. Das Bild an der Wand weist auf das Kunstinteresse des jungen Mannes hin, der 1640 Italien bereist hatte; vor ihm liegt ein zeremonielles Schwert. Jan Six präsentiert sich in dieser Radierung als eleganter, gebildeter Aristokrat. Das blendende Tageslicht, das das vom Fenster abgewandte Gesicht und die Haare des lesenden Mannes indirekt erhellt, vermag den Kontrast zur Dunkelheit des Interieurs kaum zu überbrücken, in dem sich die Details leicht schimmernd abzeichnen; am hellsten leuchten die Bücher und das Schwert hervor. Durch die vielfache Überlagerung feinster Kreuzlagen erzielte Rembrandt hier eine unendlich differenzierte Skala an Grau- und Schwarztönen, die er stellenweise mit dem Grabstichel und der Kaltnadel akzentuierte. Der hohe technische Aufwand der Radierung, deren weiche Töne an das Mezzotinto-Verfahren erinnern, wurde bis ins 18. Jahrhundert in hohem Maße bewundert. Bis heute sind die Radierplatte, die Vorzeichnungen und die verschiedenen Druckzustände im Besitz der Familie Six in Amsterdam verblieben.
Weitere Arbeiten, die die freundschaftliche Verbindung zwischen Six und Rembrandt bezeugen, sind die Illustrationen und ein Titelblatt für die von Six verfasste Tragödie "Medea" (1648), zwei Beiträge für ein "Album Amicorum" (1652) und ein Porträtgemälde (1654).
Das Zeitalter Rembrandts, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 2009, Abb. 61, S. 138.
