Der Mediziner Arnout Tholinx
Rembrandt Harmensz. van Rijn
um 1656
Der Arzt Arnout Tholinx (1607-1679) führte in Amsterdam eine blühende Praxis, nachdem er einige Jahre vor der Entstehung der vorliegenden Porträtradierung seine Funktion als Inspektor des Collegium Medicum niedergelegt hatte. 1648 heiratete er Catharina Tulp, die älteste Tochter des Arztes Nicolaes Tulp, der in Rembrandts berühmtem Gemälde "Der anatomische Unterricht" (1632) eine zentrale Stellung einnimmt. 1654 wurde er der Schwager von Jan Six (siehe Inv. DG1926/479), der in diesem Jahr Margaretha, die jüngere Schwester von Catharina, heiratete.
Tholinx gehörte zum engsten Kreis der Bewunderer und Mäzene von Rembrandt. Dies war vielleicht der Grund, warum er Rembrandt gerade in der Zeit, in der dieser sich in finanziellen Schwierigkeiten befand, um 1656 den Auftrag zu einem Porträtgemälde und einer Porträtradierung gab. Das Gemälde zeigt den Porträtierten in schlichter Frontalansicht, fast als Halbfigur, ohne jeden Hinweis auf seine berufliche Tätigkeit (Paris, Musée Jacquemart-André). Die Radierung dagegen, von der nur wenige Abzüge bekannt sind, zeigt den angesehenen Arzt vor seiner Lektüre, die er, den Blick auf den Betrachter gerichtet, kurz zu unterbrechen scheint; den gerade abgenommenen Zwicker hält er in der Hand. Weitere Attribute seiner wissenschaftlichen Tätigkeit sind die rechts im Hintergrund stehenden Flaschen. Wie im Gemälde trägt er einen Hut, den er auch bei der Arbeit nicht abgelegt hat. Die Radierung, die von kräftigen Akzenten mit der Kaltnadel dominiert wird, beeindruckt durch die Unmittelbarkeit des Ausdrucks und durch die subtilen Helldunkel-Wirkungen, besonders in der vom Hutrand überschatteten Augenpartie.
Diese Arbeit war wohl fast genau so begehrt wie die Porträtradierung von Jan Six, die aufgrund ihrer Wirklichkeitsillusion und Virtuosität zu den absoluten Höhepunkten der Druckgraphik Rembrandts zählte. Der breite, leergelassene Rand unterhalb der Darstellung im Hinblick auf den Geschenkzweck war vielleicht persönlichen Notizen oder Widmungen des Porträtierten vorbehalten.
Rembrandt, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Marian Bisanz-Prakken, Wien 2004, Abb. 92, S. 216.
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