Rembrandts Mutter mit orientalischer Kopfbinde
Rembrandt Harmensz. van Rijn
1631
Seit der kleinen, 1628 datierten Radierung mit dem frontal wiedergegebenen Gesicht seiner Mutter (Bartsch 1797, 352) hat Rembrandt diese in seinen Leidener und frühen Amsterdamer Jahren immer wieder als Modell für seine Zeichnungen, Radierungen und Gemälde herangezogen. Die markanten Gesichtszüge der alten Frau sind sowohl bei Rembrandt selbst als auch bei Künstlern aus seiner Umgebung, besonders bei #Jan Lievens und #Jan Gerritsz. Dou in mehreren Historienbildern anzutreffen; dabei tritt sie in den verschiedensten, oft fantasievollen Kostümierungen auf. Obwohl ihre Identität nicht dokumentarisch belegt ist, gilt es als so gut wie sicher, dass es sich bei ihr um Rembrandts Mutter handelt.
Die 1631 datierte Radierung "Die Mutter des Künstlers mit orientalischer Kopfbinde" entstand, ebenso wie die Radierung "Die Mutter des Künstlers, beim Tisch sitzend" (Bartsch 1797, 52) gegen Ende der Leidener Jahre. In diesen Blättern geht es nicht um Porträtwiedergaben im herkömmlichen Sinn, sondern um das sorgfältige Studium der äußeren Erscheinung des Modells; Rembrandts Mutter wurde also nicht in erster Linie als Person, sondern als Typus erfasst. In der vorliegenden Radierung etwa verlieh er ihr ein orientalisches Aussehen, indem er sie mit einem fantasievoll geknüpften, reich gemusterten Kopftuch posieren ließ. Bezeichnender Weise wird diese Radierung im Inventar von Clement de Jonge (siehe Inv. DG1926/435) nicht als Rembrandts Mutter, sondern als "Alte Persische Frau" betitelt. Die Radierung ist daher, ebenso wie die orientalisch kostümierten männlichen Modelle, der Kategorie der "Tronies" (zeitgenössische Bezeichnung für Gesichter im Sinne von Typen) zuzurechnen.
Die Funktion solcher Darstellungen war mehrfach. In einem größeren Maße als in den konventionellen Porträts konnte Rembrandt hier an Hand der fantasievollen Bekleidung, der ausdrucksvollen Posen oder der besonderen Beleuchtungseffekte seine Kunstfertigkeit vorführen. So demonstriert das gezeigte Beispiel, wie virtuos er mit rein linearen Mitteln eine ganzen Palette an Strukturen und subtilen Oberflächenwerten zu erfassen vermochte: die endlos feinen Falten im Gesicht, die sparsamen Haare und den schillernden Glanz des mehrfach gefalteten Kopftuches sowie den weichen Pelzumhang, die runzligen Hände und den leicht schimmernden Stoff des Unterrocks. In der präzisen, konzentrierten Darstellungsart und in den subtil modellierenden Lichteffekten ist diese Radierung mit dem gleichfalls 1631 entstandenen "Bildnis eines Mannes am Schreibtisch" (St. Petersburg, Staatliche Eremitage) sehr gut vergleichbar.
Gleichzeitig hatten Darstellungen wie diese gleichsam einen Modellcharakter im Hinblick auf die Historienbilder; sie gehörten zum Grundstock an Motiven, den Rembrandt für sich sowie für seine Schüler und Mitarbeiter in diesem Zusammenhang anlegte. Nicht zuletzt spielte der kommerzielle Aspekt wahrscheinlich eine Rolle: Für Liebhaber von Rembrandts Radierungen war die exotische Thematik zweifellos sehr attraktiv.
Rembrandt, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Marian Bisanz-Prakken, Wien 2004, Abb. 22, S. 96.
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