Jacopo de’ Barbari wurde in den 1460er- oder 1470er-Jahren wahrscheinlich in Venedig geboren und war als Maler, Kupferstecher und Holzschneider tätig. Allgemein akzeptierte Werke von seiner Hand sind erst ab 1500 bekannt. In Venedig traf er möglicherweise bereits 1494/95 mit Albrecht Dürer zusammen, der in seinen Schriften mehrfach auf den persönlichen Kontakt mit ihm hinweist. Zwischen ca. 1498 und 1500 arbeitete de’ Barbari im Auftrag des Nürnberger Kaufmanns Anton Kolb an Entwürfen für den monumentalen Holzschnitt mit der Ansicht Venedigs. Möglicherweise durch Vermittlung Kolbs trat er im Frühjahr 1500 in den Dienst Maximilians als »Contrafeter und Illuminist« in Nürnberg. Beginnend mit seiner Tätigkeit für Maximilian, von dem er Anfang 1504 eine Abschlusszahlung für nicht weiter spezifizierte Arbeiten erhielt, wurde er zu einem hochgeschätzten Maler an verschiedenen Fürstenhöfen des Nordens. 1510 war er als »varlet de chambre et peintre attaché à la princesse« in Diensten von Maximilians Tochter, Erzherzogin Margarete, die ihm ab 1512 eine jährliche Pension anwies. In einem Inventar der Gemälde Margaretes vom Juli 1516 wird er als verstorben bezeichnet.
De’ Barbari kommt als Vermittler humanistischer Ideen und italienischer Kunst an den Norden größte Bedeutung zu. Sein druckgrafisches Werk umfasst neben drei Holzschnitten 29 Kupferstiche, die mit zwei Ausnahmen sein Künstlersignet, den Merkurstab, tragen. Das Fehlen von Datierungen auf diesen Blättern hat zu einer regen Diskussion über ihre Entstehungszeit geführt. Zutreffend ist m. E. die von Paul Kristeller erarbeitete und später von Jay Levenson und Mark Zucker präzisierte Chronologie der Kupferstiche, die zwischen einer grafisch linearen, mit breiten und flüchtigen Gravuren arbeitenden frühen Phase und den späten Werken unterscheidet, die sich durch eine verfeinerte, die malerische Vielfalt der Formen betonende Linienführung auszeichnen.
Zu den früheren Werken zählt zweifellos die Victoria, die inmitten von Rüstungen, Helmen, Schilden, Lanzen, Pfeilen, Bogen, einem Rammbock sowie den Mauern und Türmen eines vermutlich eroberten Kastells lagert. Die Wiedergabe der Trophäen all’antica mag von Darstellungen wie dem antiken Relief an der Trajanssäule angeregt sein (Bober/Rubinstein 1987, Nr. 170A), in dem die Siegesgöttin allerdings stehend dargestellt ist und nicht liegend, wie sie de’ Barbari abweichend von der Tradition zeigt. Auch den durch Stiche verbreiteten Triumphzug Mantegnas mag der Künstler gekannt haben. Stilistisch bestehen enge Bezüge zu de’ Barbaris Kupferstich Judith mit dem Haupt des Holofernes (B. 1), der vor oder spätestens im Jahr 1504 entstanden sein muss, da ein Exemplar dieses Blattes in ein Manuskript des Humanisten Hartmann Schedel eingeklebt war, das in diesem Jahr gebunden wurde. Bei der Judith kehren derselbe Gesichtstypus, die an der Stirn zu einer Schlaufe gebundenen Haare sowie die gekurvten, sich im Schatten zu Kreuz-lagen verflechtenden Linien wieder, die bei der Victoria dem Terrain Raumtiefe verleihen. In dem Manuskript Schedels war ebenso ein Abzug von de’ Barbaris Kupferstich Frau mit Spiegel eingeklebt (B. 12). Deren Körper ist feiner und differenzierter gestaltet als bei der Victoria, für die deshalb eine etwas frühere Datierung, um 1500–1503, vorgeschlagen sei. Der Kupferstich könnte somit in die Zeit der Tätigkeit de’ Barbaris bei Maximilian fallen, über die nichts Genaueres bekannt ist. Mit einiger Sicherheit ist lediglich hinter dem Porträt des hl. Oswald (derzeitige Aufbewahrung unbekannt) ein Auftrag Maximilians zu vermuten, der diesen Heiligen zu seinen Vorfahren zählte.
Auf dem Kupferstich ruht die Victoria wie nach einer Schlacht auf den Trophäen aus. Sie personifiziert einen errungenen Sieg, was Anlass zur Vermutung gegeben hat, das Blatt sei in der Folge der Schlacht von Wenzenbach (1504) entstanden, die auch Altdorfer auf einem Pergamentbogen aus dem Triumphzug festgehalten hat (Inv. 25222). Gegen eine derartige Deutung spricht jedoch die vermutlich etwas frühere Entstehungszeit des Kupferstichs, die allerdings nicht exakt bestimmbar ist. Hieronymus Hopfer hat das Blatt umseitig radiert (B. 36) und durch diese Kopie zu einer weiteren Verbreitung der Darstellung beigetragen.
Hrsg. Eva Michel und Maria Luise Sternath, Kaiser Maximilian I. und die Kunst der Dürerzeit, Wien 2012, Abb. 51, S. 218.