Venezianischer Doge
Sébastien Le Clerc (le Vieux)
zwischen 1650 und 1664
Karton: 12,1 x 8,9 cm
Herkunftsgeschichte der Zeichnungen Leclercs in der Albertina
Leclercs mindestens 3000 Blätter zählendes Œuvre an Druckgraphik - Kupferstichen und in der überwiegenden Mehrzahl Radierungen - war bei Sammlern äußerst begehrt Die Albertina besitzt nicht nur ein riesiges Konvolut an Radierungen Leclercs, sondern auch den wahrscheinlich bedeutendsten Bestand seiner Zeichnungen, der sich herkunftsmäßig aus verschiedenen Quellen speist. Die Zeichnungen aus der ehemaligen Sammlung der Madame de Bandeville (HB CLXVII. [1].1-5) und jene der Sammlung des Prinzen Eugen (HB CLXVII. 1-5) waren ursprünglich, zusammen mit den Radierungen Leclercs, in jeweils fünfteiligen Klebebänden der ehemaligen kaiserlichen Hofbibliothek aufbewahrt. Zu einem uns unbekannten Zeitpunkt wurden die Zeichnungen aus den Hofbibliothekbänden gelöst, neu montiert und in den Zeichnungenkassetten 14 A und 14 B der Französischen Schule zusammen mit den aus der Sammlung Albert von Sachsen-Teschens stammenden Blättern Leclercs neu aufgestellt. Leider wurde der bei der Übertragung notwendig gewordene Vermerk der Provenienzen der Zeichnungen im Cahier nicht immer mit der nötigen Sorgfalt durchgeführt, so daß es uns heute nicht immer leicht war, eine lückenlose Herkunftsgeschichte aller Blätter festzuhalten und wir manchmal nur aufgrund der aus den Klebestellen abzulesenden Maße in den Hofbibliothekbänden auf die Herkunft der Zeichnungen schließen konnten. Zusammenfassend läßt sich aber die Herkunft von Leclercs Zeichnungen in der Albertina in vier unterschiedliche Gruppen unterteilen:
1.
Acht Zeichnungen sind aufgrund ihres Sammlungsstempels eindeutig von Herzog Albert von Sachsen-Teschen erworben worden, wobei sich ein Blatt (F.
755/Inv. 8180) in die Sammlung von Moriz von Fries und ein weiteres in die ehemalige Sammlung Gottfried Win[c]klers (F.761/Inv. 11760) zurückverfolgen läßt.
2.
Der aufgrund seiner Vielfalt bedeutendste Bestand an Zeichnungen Leclercs in der Albertina (38 Blätter) stammt aus der ehemaligen Sammlung der Madame de Bandeville, über die sich eigentlich nicht viel feststellen läßt: Das "Dictionaire de Biographie française" (Paris 1951, V,pp.62/63) erwähnt eine Madame La presidente de Bandeville, geborene Marie-Anne-Catherine Bigot de Graveron, die ein Haus in Passy besaß und ein weiteres auf dem Quai Malaquai in Paris bewohnte und v.a. wegen ihrer Sammlung exotischer Vögel, Schmetterlinge und Schalentiere über die Grenzen Frankreichs hinaus berühmt war. Sie starb 1787 in ihrem Pariser Domizil, das sie ihrem Freund, dem directeur Abbé Gruel, überließ. Die Herkunft der Zeichnungen der Albertina aus der Sammlung de Bandeville läßt sich noch weiter zurückverfolgen, wie eine umfangreiche handschriftliche Notiz dies in Band HB CLXVII.(1).1. fol
6-7 vermerkt. Danach läßt sich folgende Provenienzenkette festhalten: 1766 hatte Madame de Bandeville den heute in der Albertina aufbewahrten Bestand an Radierungen und Zeichnungen Sebastien Leclercs aus der Sammlung Dezallier d'Argenvilles (siehe Pierre Remy, Catalogue raisonné des tableaux, estampes, coquilles & autres curiosités ... de feu Monsieur Dezalier d'Argenville, Paris 1766) erworben. Jombert (I, p. xviij) erwähnt übrigens ausdrücklich den Abbé Gruel, der ihm während seines sechswöchigen Studiums der Leclerc-Sammlung der Madame de Bandeville hilfreich zur Seite stand ("La politesse & l'affabilité de M. l'abbé Gruel, qui demeure chez Madame de Bandeville, & qui est depositaire & ordonnateur de son riche cabinet, m'ont procuré a cet égard toutes les facilités dont j'avois besoin pour mes recherches iconographiques ... J'ai passé...avec cet amateur eclairé prèsde six semaines de suite, ... "). Nach dem Ableben der Madame de Bandeville gelangten die Radierungen und Zeichnungen Leclercs in den Besitz des Grafen Moriz von Fries, der sie 1828 an die kaiserliche Hofbibliothek verkaufte, von wo sie nach dem Ersten Weltkrieg, anläßlich der Zusammenlegung der Hofbibliotheksbestände mit jenen der herzöglichen Sammlung, in die Albertina überstellt wurden. Darüber hinaus konnten wir aber auch feststellen, daß einige Blätter der Sammlung Bandeville offenbar 1772 aus der Sammlung Huquiers erworben worden waren (siehe F.757/Inv. 27689), wovon allerdings eine Zeichnung (siehe F. 1155/Inv. 12013) aufgrund einer Neuzuschreibung in unserem Bestandskatalog in das Œuvre Gabriel Huquiers verwiesen wurde. Für die Rekonstruktion der Herkunft der Blätter der Sammlung Bandeville gaben die nicht immer genauen Angaben im Cahier, die Erwähnungen der Zeichnungen durch Jombert bei den entsprechenden Radierungen und zuletzt die Spuren der Klebestellen in den Hofbibliothekbänden der Sammlung Bandeville (HB CLXVII. (1).1-5) den Ausschlag. Die Zuordnung einer Zeichnung zum entsprechenden Hofbibliotheksband der Sammlung Bandeville fiel dann leicht, wenn sich die Zeichnung in unmittelbarer Nähe der entsprechenden Radierung befunden hatte, war aber beinahe unmöglich, wenn sie keiner Radierung zuordenbar und recht grob aus dem betreffenden Band herausgeschnitten worden war. Wann die Zeichnungen aus den Hofbibliotheksbänden herausge.schnitten und neu montiert wurden, läßt sich nicht mehr genau nachvollziehen, doch glauben wir, daß dies anläßlich der Leclerc gewidmeten Ausstellung in Metz 1937, wozu die Albertina einige Leihgaben aus der ehemaligen Sammlung Bandeville beisteuerte, stattgefunden haben könnte.
3. Der umfangreichste Bestand an Zeichnungen Leclercs in der Albertina stammt aus der Sammlung des Prinzen Eugen. Pierre-Jean Mariette hat u.a.
in seinen "Notes manuscrites" (V,221) 197 Blätter Leclercs aus dieser Sammlung beschrieben; Spuren von Klebestellen zeugen von einer ehemaligen Aufbewahrung im Hofbibliotheksband HB CLXVII. 3.fol.2-26. Durch Jean-Pierre Mariettes am Ende des Stichbandes handschriftlich angebrachtes Inhaltsverzeichnis ließen sich noch vier weitere Blätter identifizieren, so daß sich die Gesamtzahl der Zeichnungen Leclercs aus der Sammlung des Prinzen Eugen auf 201 Blätter beläuft.
4. Ein Blatt läßt sich auf keine der genannten Sammlungen zurückführen. Es stammt aus der Sammlung Stöckels (F.763/Inv. 11765) und wurde 1836 von Erzherzog Carl erworben.
Sebastien Leclerc zugeschrieben: F. 558 - F. 754 (Inv. 27708 – Inv. 27904)
197 Blätter mit Kostümfiguren
Spätestens seit Meaume (1877, p.39, Anm.1) diese Blätter mit einer von Mariette erwähnten Notiz -"A dix ou douze ans il [Le Clerc sic] s'attachoit déjà à dessiner et montroit a plusieurs dames de Metz; ... C´est à peu près
dans ce tèms-la qu'il a fait les figures de nations dessinées à
la main qui sont dans ce recueil et il s'en servoit comme de modèles qu'il donnoit à ceux qu'il instruisoit" (Notes manuscrites, V, 221 und Abecedario, III, pp. 100 und 107) in Verbindung gebracht hat, wird diese Serie von 197 Kostümfiguren (und nicht 198, wie Sibertin-Blanc 1938 Meaume 1877 fälschlicherweise korrigiert) mit einigem Zögern als Jugendwerk Leclercs ("Habillemens de diverses Nations") anerkannt. Mehrere Gründe veranlassen uns, diese Zuschreibung aufrechtzuerhalten: Die Provenienz der Blätter läßt sich auf Prinz Eugen zurückführen, der sie mit Hilfe von Jean-Pierre Mariette erworben hat, von dem auch die erste Erwähnung dieser Serie stammt (Notes manuscrites, V, 221). Ebenso stammt von ihm die handschriftliche Eintragung in der Inhaltsangabe des Klebebandes der Hofbibliothek mit "Habillemens de diverses Nations en 197 dessins faits par Sr. Leclerc étant agé de 12. à 15.ans" (HB CLXVII. 3.fol. 5-26), wo sich die Blätter vor ihrer Montierung auf Kartons befunden haben. Darüber hinaus sind die Figuren von einer gewissen kindlichen Naivität und Ungelenkigkeit, so daß wir in ihnen zweifellos die Zeichnungen eines sehr jungen Menschen annehmen können. Letztlich erweisen sich mehr als die Hälfte der kleinen Blätter als Zeichnungen nach Jean Jacques Boissards Stichwerk "Habitus…", das der junge Sebastien Leclerc zweifellos gekannt und als Vorlage herangezogen haben muß. Jean Jacques Boissard wurde um 1533 in Besançon geboren, hielt sich zwischen 1556 und 1578 in Ita.lien auf und war der Autor und Illustrator zahlreicher Werke aus dem Bereich der Topographie, der Emblemkunde und des Kostümwesens, darunter des für uns relevanten, 1581 in Lateinisch, Französisch und Deutsch erschienenen Buches "Habitus Variarum Orbis Gentium. Habitz de nations estrages. Trachten mancherley Völker des Erdkreysz." In diesem Buch erschienen, auf 67 Tafeln vereinigt, 182 Figuren in der Tracht ihrer Heimat, wobei zumeist drei auf einer Tafel zusammengefaßt wurden. Boissard verbrachte den größten Teil seines Lebens in Metz, wo er auch 1602 starb, so daß es naheliegend erscheint, daß der junge, damals noch in Metz ansässige Leclerc mit dem Buch in Berührung gekommen war, bevor er spätestens im Alter von 27 Jahren nach Paris übersiedelte. Bekannte Vorzeichnungen Boissards, die wir u.a. im
antiquarischen Buchhandel aufspüren konnten (z.B.aus der ehemaligen Sammlung des Prinzen von Liechtenstein, siehe Antiquariatskatalog Librairie Valette Nr.8, Kat 13, Paris 1988), lassen keinerlei stilistische Verbindung mit den kleinformatigen Albertina-Blättchen zu. Boissards Zeichnungen sind sicherer, reifer und bedeutend qualitätvoller ausgeführt als die als Nachzeichnungen einzuschätzenden Blätter der Albertina. Wenn man auch Mariettes Hinweis, Leclerc hätte diese Zeichnungen zu Unterrichtszwecken für Metzer Bürgerinnen angefertigt, mit großem Vorbehalt zur Kenntnis nehmen muß, so glauben wir, daß sie sicherlich nicht in der Absicht entstanden sind, sie in einem Kostümbuch zu veröffentlichen, sondern daß sie vermutlich Beispiele von Leclercs eigenem Zeichenstudium darstellen. Alle Blätter sind mit der Feder ausgeführt, in der überwiegenden Mehrzahl grau laviert und teilweise mit roter Tinte gezeichnet oder aquarelliert. Obwohl wir nicht für alle der insgesamt 197 Blätter dieser Serie Boissards Vorbild geltend machen konnten, glauben wir, daß Leclerc kaum eine andere Quelle für seine Kostümfiguren herangezogen hat, sondern entweder eine uns unbekannte umfangreichere Ausgabe von Boissards Buch vorliegen hatte oder von diesem letztlich verworfene Vorzeichnungen konsultiert hat; in einigen Fällen könnte er auch Boissards Vorbilder eigenständig variiert haben. Es fällt z.B.auf, daß Leclerc die Kostüme von einzelnen Nationalitäten(z.B. Spaniens und Englands) gezeichnet hat, die
nicht in Boissards Buch erschienen sind, und darüber hinaus Gewandfiguren aus seiner unmittelbaren Heimat und deren Umgebung in einer größeren Vielfalt wiedergegeben hat als sie in der uns bekannten Ausgabe von Boissards Stichwerk auftreten. Boissards Buch "Habitus Variarum Orbis Gentium" läßt eine gewisse Gliederung erkennen: Beispielen für Kostümfiguren italienischer Regionen folgen jene der nordfranzösischen Provinzen; schließlich folgen die Trachten des Balkans, der Türkei, des vorderen Orients und Afrikas; der Band endet mit exotischen Kostümfiguren aus Indien und Amerika. Obwohl Leclercs Zeichnungen beinahe alle bei Boissard gestochenen Nationalitäten wiedergeben, folgt ihre Ordnung nicht jener in Boissards Buch, sondern scheint vielmehr sehr zufällig gewählt. Wir vermuten, daß die einzelnen Blätter erst 1937, anläßlich der Ausstellung in Metz, aus ihrem ursprünglichen Verband im Klebeband der Hofbibliothek HB CLXVII. 3. fol. 5-26 gelöst und auf Kartons montiert wurden. Es ist anzunehmen, daß die Anordnung auf den Kartons in jener Gruppierung erfolgte wie zuvor im Klebeband und daß die Blätter dann in dieser Ordnung ihre Inventarnummer erhielten. Dies legt nahe, daß die wahllose Anordnung der einzelnen Kostümfiguren bereits zu einem früheren Zeitpunkt erfolgt sein muß. Das unregelmäßige Format der einzelnen Blätter läßt darüber hinaus annehmen, daß jeweils mehrere Figuren auf einen Bogen Papier gezeichnet worden waren, um dann nach dessen Zerschneidung zwecks eines einheitlichen Erscheinungsbildes auf jeweils etwa gleich große Blätter mit gestochenen Zierleisten geklebt zu werden. Der Zeitpunkt dieses Vorganges läßt sich für uns allerdings nicht mehr nachvollziehen. Die katalogmäßige Darstellung der einzelnen Kostümblätter Sebastien Leclercs folgt daher nicht der Ordnung der Vorlagen in Boissards Buch, sondern der Reihenfolge der Inventarnummern.
Zum Blatt: Kopie des auf Tafel 1 in größerem Zussmmenhang abgebildeten Dogen in "Habitus Variarum Orbis Gentium" von Jean Jacques Boissard.
Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Heinz Widauer (Bearb.), Die französischen Zeichnungen der Albertina. Vom Barock bis zum beginnenden Rokoko. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. X, Wien/Köln/Weimar 2004, S. 81ff., Nr. 582.
