Nach der Schlacht
Charles Parrocel
1740 - 1745?
Serie von 25 SchlachtendarsteIlungen (F. 1116-F. 1140/Inv. 11708 – Inv. 11732)
Diese Zeichnungen verbindet ihr Thema, das beinahe gleich große Format, ein flotter, an manchen Stellen nur skizzenhafter Strich, die Verwendung der braunen Feder und die damit einhergehende heftige graue Lavierung. Die traditionelle Zuschreibung dieser Zeichnungen an Jacques Courtois (1621-1676), die auch in den meisten Fällen in einer Handschrift des 18. Jahrhunderts auf den Blättern angemerkt wurde, wird von uns aus stilistischen Gründen verworfen. Wir sehen in ihnen vielmehr Blätter von CharIes Parrocel, die sich gut mit stilistisch und motivisch verwandten Blättern des Künstlers z. B. im Louvre und im Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt am Main und mit einem weiteren, traditionell Parrocel zugeschriebenen Blatt der Albertina (F. 1142/Inv. 12026), das allerdings in einem späteren Band (Bd. 19) aufbewahrt wird, vergleichen lassen. J. Crosby Schuman hat in seiner unpublizierten Dissertation über Charles Parrocel des Jahres 1979 nur diese eine im Band 19 befindliche Zeichnung der Albertina in das Œuvre des Künstlers aufgenommen. Die hier vorliegende, traditionell dem Jacques Courtois zugeschriebene und im Band 13 der Albertina aufbewahrte Serie hat er offenbar aus Unkenntnis nicht berücksichtigt. Unverständlich erscheint uns die im Cahier, dem Inventarverzeichnis der Albertina, vermerkte Provenienz der Blätter aus der Sammlung von Kardinal Richelieu. Zum einen ist eine Zeichnungensammlung des Kardinals, der ein leidenschaftlicher Sammler und Auftraggeber von Gemälden war, nicht bekannt, und zum anderen machen es die Lebensdaten von CharIes Parrocel, aber auch jene seines Vaters Joseph, unmöglich, daß Richelieu, der 1643 starb, Blätter von diesen Künstlern hätte erwerben können. Auf welchem Umstand also die im Cahier angegebene Herkunftsgeschichte beruht, ist unklar. Fest steht jedoch, daß Herzog Albert von Sachsen-Teschen an diesem Genre besonderen Gefallen gefunden haben muß, finden sich doch Blätter mit Schlachtenszenerien von den Parrocels in seiner Sammlung in viel größerer Zahl, als dies in anderen, vergleichbaren Sammlungen der Fall ist. Die standesbedingte Laufbahn des Herzogs in kaiserlichen Regimentern mag die besondere Vorliebe für diese Bildgattung erklären. Plausibel scheint es auch, daß der Herzog die Zeichnungen in einem Konvolut angekauft hat; das serienhafte Auftreten der Zeichnungen mit einzelnen qualitativ fragwürdigen Blättern läßt unserer Meinung nach den Schluß zu, daß der Herzog wohl keine große Auswahl vor dem Ankauf getroffen hat. Vielleicht bot auch die der österreichischen Armee nahestehende Thematik von Reiterschlachten zwischen u. a. kaiserlichen und türkischen Truppen (siehe F. 1118/Inv. 11710 und F. 1132/Inv. 11724) für Albert von Sachsen-Teschen einen besonderen Anreiz, diese Serie von Schlachtendarstellungen in seinen Besitz zu bringen Schuman (1979, p. 178) datiert die mit den Albertina-Zeichnungen vergleichbaren Blätter in anderen Sammlungen zwischen 1740-45, also in das Spätwerk des Künstlers und somit in jene Zeit, als Charles Parrocel an den königlichen Eroberungsfeldzügen, u. a. im Zusammenhang mit dem österreichischen Erbfolgekrieg, teilgenommen hat. Die Art jedoch, wie einzelne Motive - gestürzte Pferde, verwundete oder gefallene Soldaten - beinahe repertoirehaft wiederkehren, läßt vermuten, daß die Blätter kein historisches Ereignis wiedergeben, wie dies eher im Œuvre von Joseph Parrocel der Fall ist, sondern der reinen Imagination entsprungen sind und vielleicht aus dem Verband eines Skizzenbuches gelöste Studienblätter darstellen, deren einzelne Bildlösungen vielleicht in Schlachtenbildern wieder aufgenommen werden sollten.
Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Heinz Widauer (Bearb.), Die französischen Zeichnungen der Albertina. Vom Barock bis zum beginnenden Rokoko. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. X, Wien/Köln/Weimar 2004, S. 242ff, Nr. 1137.
