Seestück
Pierre Puget
1680 - 1690?
F. 477-F. 479 (Inv. 15248, Inv. 15249,Inv. 11910): Pierre Puget oder seine Werkstatt
Klaus Herding (1966, p. 135) hat berechtigte Zweifel an der Eigenhändigkeit Pugets für diese Blätter angemerkt und sie als Werkstattarbeiten angesehen. In manchen Fällen ist die Lavierung tatsächlich etwas grob ausgeführt, und gewisse Details wie Segel, Wellen oder Wolken wurden mit der Feder zusätzlich übergangen, was entweder auf ein weniger talentiertes Werkstattmitglied oder auf eine nachträgliche Überarbeitung schließen lassen könnte.
Im szenischen Zusammenhang ähnlich wie F. 476 (= Inv. 15247) und von Herding (1966, p. 135, Anm. 14) als Werkstattarbeit, von Boisfleury (in: Marseille 1978, unter Nr. 188) als eigenhändig beurteilt, ist diese Zeichnung zusammen mit F. 476 als Widmungsblatt für Abraham Duquesne um 1680 datiert worden (Boisfleury, in: Marseille 1978, unter Nr. 188), was von Herding (siehe F. 476) bezweifelt wird. Vergleichbare Zeichnungen mit einem ähnlichen Leuchtturm (siehe Louvre GM 2109, Inv. 32591) schließen eine topographische Zuordnung der vorliegenden Darstellung zum großen Mittelmeerhafen von Marseille aus; offenbar handelt es sich auch, wie bei F. 476, um ein der reinen Phantasie entsprungenes Marinestück. Ein Vergleich mit F. 476 läßt Herdings Einschätzung des Blattes als Werkstattarbeit verständlich erscheinen: Pugets eigenhändige Blätter sind in den Lavierungen transparenter und in den Helldunkelübergängen subtiler und feiner verlaufend.
Diese Zeichnung der Albertina steht drei Blättern Pugets in New York (Metropolitan Museum, Inv. 1985.103) und in Marseille (Musée des Beaux-Arts, Inv. D 279; Musée Grobet-Labadie, Inv. 521) mit jeweils derselben Darstellung nahe. Die Zeichnungen haben alle einen im rechten Vordergrund erkennbaren, repoussoirhaften Felsvorsprung gemeinsam, wo Seeleute ein Boot festmachen. Er lenkt den Blick auf eine mit Fregatten und weiteren Schiffen bevölkerte Meereslandschaft im Hintergrund. Das Blatt des Metropolitan Museum läßt aufgrund einer Widmung eine Ausführung in den 80er Jahren annehmen (siehe Bean/Turčić 1986, p. 229, Nr. 257 und M.-P Vial, in Marseille/Genua 1994/95, pp. 218/219, Nr. 89). Der Vergleich des vorliegenden Blattes mit den genannten Beispielen in New York und Marseille gibt zu erkennen, daß die Zeichnung der Albertina zumindest nachträglich mit der Feder überarbeitet oder überhaupt von der Hand eines Werkstattmitglieds Pugets ausgeführt wurde.
Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Heinz Widauer (Bearb.), Die französischen Zeichnungen der Albertina. Vom Barock bis zum beginnenden Rokoko. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. X, Wien/Köln/Weimar 2004, S. 56, Nr. 479.
