Günter Brus, Atem: Verletzung des inneren Luftraums, Inv. Nr.: 44460
Atem: Verletzung des inneren Luftraums
Günter Brus, Atem: Verletzung des inneren Luftraums, Inv. Nr.: 44460
Copyright: © Estate of Günter Brus

Atem: Verletzung des inneren Luftraums

Günter Brus

1985




Künstler:in (Ardning 1938 - 2024)
Date1985
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesPastellstift, Farbkreide, Bleistift und Buntstift auf Packpapier
Dimensions88 x 62 cm
Rahmenaußenmaß: 109,5 x 82,7 x 4,3 cm
Object number44460
InscribedAm unteren Rand mit Bleistift "ATEM: VERLETZUNG DES INNEREN LUFTRAUMS"
Signedr.u. "Brus 1985"
MarkingsPRESSE
Text

1970 trat Günter Brus das letzte Mal mit einer Aktion in die Öffentlichkeit, mit der "Zerreißprobe" in München, bei der der Künstler tatsächlich bis an die Grenzen des Erträglichen ging - sowohl was seine eigene Gesundheit als auch die Zumutbarkeit für das Publikum betraf. Hatten sich bereits in den Jahren davor die Themen und ihre jeweilige Realisation bei jedem einzelnen der "Wiener Aktionisten" - #Otto Mühl und #Hermann Nitsch waren noch aktiv, #Rudolf Schwarzkogler bereits 1969 gestorben - auseinander entwickelt, so hatte Brus hier in intensiver Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, seinen physischen und symbolischen Funktionen und seiner Leidensfähigkeit den Kulminationspunkt eines eigenständigen Weges gefunden.
Der Körper sollte auch in den unterschiedlichen zeichnerischen Ausdrucksformen, die Brus seit 1970 entwickelt hat, im Zentrum stehen. Von einer übersteigerten "Aktions-Ikonografie" ausgehend, illustrierte Brus ab 1974 Visionen zwischen zynischem Witz und märchenhafter Fantasie. Menschen, Tiere, Pflanzen, Landschaften oder Objekte entwickelten sich zu Mischwesen mit bisher unbekannten Eigenschaften und kreierten durch raumgreifende Addition immer neue Traum-Situationen. Brus setzte sich bewusst mit historischen Vorbildern auseinander, mit Dichtern, Malern und Zeichnern: Er hatte das Zusammenwirken von Bild und Wort als die ihm am besten entsprechende Ausdrucksform erkannt und sah in den Werken #William Blakes, #Goyas und #Herzmanovsky-Orlandos Möglichkeiten, sein eigenes Repertoire an Zeichnung/Text-Kombinationen zu erweitern und zu intensivieren. Während die vielteiligen so genannten "Bild-Dichtungen" sich in manchmal fast epischer Breite an Strukturen des Buches annäherten, entstanden auch Einzelblätter, die sich durch eine offensive Verschränkung von Wort und Bild auszeichneten.
"In Atem: Verletzung des inneren Luftraums" wird diese eigene Art der vielfachen Verschränkung deutlich. Sowohl der kurze Text als auch die dargestellte Figur erscheinen bereits in sich widersprüchlich, was sich im Wechselbezug noch steigert. Das durch den Kopf als "Körper" identifizierbare Gebilde ließe sich prima vista eher als Blume mit weißen Blütenblättern und blauen Staubgefäßen lesen. Allerdings assoziiert der deutlich lesbare Begriff "innerer Luftraum" doch wieder die Lunge mit all ihren Lappen und Ausbuchtungen. Dass Brus den Atem als "Verletzung" definieren kann, entspringt seiner Lust am scheinbar Absurden und an verspielt-spontanen Gedankenverbindungen: In einer frühen "Bild-Dichtung" hatte er "Licht" als "Schmutz der Sonne" bezeichnet - die Assoziation zwischen den Begriffen "Schmutz" und "Absonderung" (im Fall der Sonne eben das Ausströmen des Lichtes) entspricht der Gleichsetzung von "Verletzung" mit "Eindringen" im Pastell der Albertina. Positiv besetzte Worte wie "Atem" oder "Licht" werden auf diese Weise ihrer traditionellen und unreflektierten Würde beraubt, den quasi "körperlosen" Begriffen jeweils eine sehr reale Erscheinung oder Wirkung zugeordnet. Das spiegelt sich wider in der Zeichnung, wo sich das runde, scharf abgegrenzte Gebilde im Zentrum der Blüte/Lunge nun als durch einen Einschuss entstandenes Loch darbietet. Einer solchen Wunde entströmt kein Blut, sondern blaue Tinte: Eine Anspielung auf die "Blaue Blume der Romantik" würde dann ein weiteres Assoziationsfeld eröffnen, das Wissen um des Künstlers dramatischen Zigarettenkonsum wiederum ein anderes. Dass wir bei solchen Überlegungen zwischen konkreter Lebenssituation und dem Verweis auf ein historisches Zitat schwanken, entspricht im radikalen Wechsel der Abstraktionsebenen durchaus der Praxis Günter Brus'.

Monika Faber, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 269.

Bibliography
  • AK Albertina 2003/04, S. 215
  • Schröder 2008, Nr. 269 (M. Faber)
  • AK: Nach 1970. Österreichische Kunst aus der Albertina, hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Wolkersdorf: Holzhausen Druck 2008, Abb.38 S.65
  • Albertina: Pollock bis Baselitz, hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Bad Vöslau: Grasl Druck & Neue Medien 2003, Abb.60
  • AK: Günter Brus, hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Köln: Verlag Walther König 2003, S. 215 Abb.
  • Provenance
  • 2002 aus dem Kunsthandel erworben

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    Last edited16.06.2026