Der Hafen von Antwerpen beim Scheldetor
Albrecht Dürer
1520
Die Wiedergabe des Hafens von Antwerpen beim Scheldetor, eine der wohl bemerkenswertesten Ansichten der Stadt, zeigt Dürer als meisterhaften Zeichner, dessen Blick über die Hafenarchitektur und die entlang der Mole gestaffelten Boote mit ihrem Gewirr aus Masten und Takelagen schweift. Dürer dokumentiert nicht nur in äußerster Genauigkeit das Aussehen des Hafens um 1520. Gleichzeitig gelingt es ihm mit größter Ökonomie des Strichs und trotz der Entscheidung, große Partien des Papiers weiß zu belassen, den Eindruck von Tiefenräumlichkeit und Atmosphäre zu erfassen.
The depiction of Antwerp Harbor at the Scheldt Gate, surely one of the most remarkable views of the city on the Scheldt River, reveals Dürer’s mastery as a draftsman whose glance wanders past the harbor structures to the boats with their tangle of masts and riggings along the pier. The artist not only presents a meticulously exacting documentation of the harbor’s appearance around 1520 but also captures the impression of space, depth, vastness, and atmosphere despite the economy of the drawing and the decision to leave large passages completely blank.
Dürer hat insgesamt vier größere Reisen unternommen: Nach Abschluss seiner Lehrzeit begab er sich auf Wanderschaft an den Oberrhein, 1495/96 und 1505 bis 1507 war er jeweils in Venedig, und schließlich bereiste er 1520 mit seiner Frau Agnes und einer Magd den Unterrhein. Mit der Reise in die Niederlande verband Dürer die konkrete Absicht, Herzog Karl von Burgund, den späteren Kaiser Karl V., dazu zu bewegen, eine ihm von dessen Vorgänger, Kaiser Maximilian I., versprochene jährliche Rente fortzuzahlen. Darüber hinaus mag die in Nürnberg zu dieser Zeit wütende Pest den Anstoß gegeben haben, die Stadt für einige Zeit zu verlassen.
Im August kam Dürer in Antwerpen an, wo er die vorliegende Ansicht des Hafens gezeichnet hat. Auf der Zeichnung erkennt man links die Schelde, die eine für die Schifffahrt ideale, breite Mündung hatte und damit der Stadt mit ihren ausgedehnten Hafenanlagen einen ungehinderten Zugang zum Meer ermöglichte. Antwerpen war zu bedeutender Blüte aufgestiegen, nachdem die Hafenzufahrt in Brügge, der alten Handelsmetropole in den südlichen Niederlanden, allmählich versandet war.
Dürers Standpunkt befand sich nahe dem Eeckhof, der die Antwerpener Malergilde beherbergte und sich auf der Zeichnung am äußersten rechten Rand unmittelbar neben dem Turm mit dem hohen, spitzen Dach wiederfindet. Offenbar aus einem dem Eeckhof gegenüberliegenden Haus hielt der Künstler den Blick auf den Hafen gegen Nordwesten über die Schelde hin fest, der sich schließlich an einer Hofd van Vlanderen genannten Erhebung am linken Rand des Blattes verläuft. Dürer hat die Hafenansicht mit rein linearen Mitteln festgehalten und damit jegliches Stimmungsmoment ausgeklammert. Hingegen konzentrierte er sich ganz auf die Beschreibung der Hafenbefestigung, der daran festgemachten Boote und der mächtigen Hafengebäude. Besonders reizvoll ist das Wechselspiel unbezeichneter, die spiegelnde Oberfläche des offenen Meeres charakterisierender Stellen und der sich dem Hintergrund zu verdichtenden Hafenarchitektur. Durch steile Perspektivlinien wird der Blick in die Tiefe und der Betrachter bis unmittelbar vor die Stadt geführt.
Heinz Widauer, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 12.
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