Bauer am Tisch, seine Pfeife stopfend
Wilhelm Maria Hubertus Leibl
1894
Mit Wilhelm Leibl fasste in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in Deutschland ein modernes Malereikonzept Fuß, das sich - von Frankreich kommend und wesentlich durch so herausragende Persönlichkeiten wie #Gustave Courbet und #Édouard Manet geprägt - vor allem durch seine antiakademische Position auszeichnete. Der damals allgemein gelehrten, teils sentimental, teils theatralisch hochstilisierten Bildsprache wurde eine radikale Absage erteilt. Während seines Studiums an der Münchner Akademie (seit 1864) durchlief Leibl diese Schule bewusst, sammelte aber schon in dieser Zeit einen Freundeskreis um sich, der die Essenz malerischen Arbeitens anders zu sehen versuchte. Die persönliche Begegnung mit Courbet während eines Paris-Aufenthaltes 1869/70, der ihm zugleich Édouard Manets Werke nahebrachte, bestätigte Leibl auf dem neuen Weg. Es ging jetzt um eine möglichst vorbehaltslose Auffassung der sichtbaren Dinge und einen möglichst direkten Einsatz der malerischen Mittel von Farbe und Helldunkel. 1875 zog sich Leibl aus München aufs oberbayerische Land zurück, blieb aber mit seinen Bildern auf Ausstellungen im In- und Ausland präsent. Sein Spätwerk zeigt immer einfachere Figurenszenen, um im Bann von deren kontemplativer Erscheinung die Wirkungen von Licht und Atmosphäre umso prononcierter zur Geltung zu bringen.
In breiten Strichen nimmt er hier mit dem Kreide- und Kohlestift die Konturen, Schatten und Halbschatten eines Mannes auf, der sich gelassen, aber zugleich höchst konzentriert mit seiner Pfeife beschäftigt. Er sitzt in einem nur diffus definierten Raum. Zur dämmrigen Grundstimmung treten einige völlig offene Stellen, als würde hier der gegenständliche Bezug unvermittelt abbrechen. In diesem großformatigen Blatt nutzt Leibl die Zeichnung nicht wie im 19. Jahrhundert allgemein üblich als sekundäres Medium zur Vorbereitung eines Gemäldes, sondern gerade um rein malerische Probleme an einem monochromen Spektrum von Schwarz- und Grautönen zu messen, und vor allem, um die definierende Funktion der Zeichnung bewusst zugunsten eines völlig freien malerischen Gestaltungsprozesses zu brechen.
Maren Gröning, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 181.
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