Lautenspieler
Marc Chagall
1911
Marc Chagalls Kindheit und Jugend in der russischen Stadt Witebsk war neben der altrussisch-bäuerlichen und der chassidisch-kleinstädtischen Kultur auch von der Musik seiner Nachbarn und Verwandten geprägt. Zumindest zwei seiner Geschwister spielten Mandoline (zur Schwester Lisa siehe: AK Linz 1994, Abb. S. 93; zum Bruder David: AK Wien 1994, Abb. S. 98 f.). Während die Figur seines Onkels Neuch, der "Geige wie ein Schuster" spielte (Chagall 1959, S. 20), zu einem dauerhaften Prototyp der Chagall'schen Ikonografie wurde, hat der einsam in seiner Kammer auf dem Bett sitzende musizierende junge Mann wohl eher mit Chagalls Heimweh am Beginn seines ersten Aufenthalts in Paris 1911 bis 1914 zu tun. Dabei sind Mandoline und Palette zentrale Motive der Darstellung: Während die Farbpalette, die in Chagalls Selbstbildnissen häufig über der rechten Flanke des Malers zu liegen kommt, zum Attribut seiner persönlichen Identität als Künstler wird, ist der Klangkörper repräsentativ für die Künstlerseele schlechthin.
Die Kombination von En Face- und Profildarstellung wird zu einer dem Pariser Kubismus entlehnten Formel, die vor dem ersten Weltkrieg zum Signum von Chagalls Zugehörigkeit zur Pariser Avantgarde wird, und die er bis zum Ende seines Lebens, durch alle Stilphasen hindurch, abgewandelt hat.
Marietta Mautner Markhof, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 197.
