Blumenvase auf einem Tisch
Lovis Corinth
1922
Lovis Corinth, dessen Kunst die deutsche Malerei des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts bis in die Zwischenkriegsjahre stark beeinflusste, war ein Maler aus Berufung. Kaum ein Genre der Malerei, dem er sich nicht zuwandte und in dem er nicht wegweisende Lösungen fand. Angesichts seines reichhaltigen und vielfältigen Œuvres verbieten sich stilistische Einordnungen. Sein Naturalismus, sein Impressionismus, sein Expressionismus, ja sein Tachismus sind persönliche Lösungen für die jeweils gestellte künstlerische Aufgabe. Jedes seiner Werke trägt die Leidenschaft dieses kraftvollen Charakters an den Betrachter heran, mit der er auch für die Erneuerung der deutschen Kunst eintrat.
Die Albertina besitzt eine große Anzahl von Werken Corinths, darunter einige Zeichnungen, Radierfolgen, Lithografien, jedoch nur zwei Aquarelle (siehe auch Inv. 23282). Das Aquarell ist ein Medium, das Corinth meisterhaft beherrschte. Die beiden Blätter vermitteln dem Betrachter die Bewegtheit von Corinths Malprozess, der sich unabhängig von Technik und Bildgegenstand zeigt. Corinth war 64 Jahre alt, als er diese Blätter in seinem Haus am Walchensee schuf. In der bayerischen Bergwelt hatte er, nach den kämpferischen Jahren in München und Berlin, wo er in der Nachfolge #Max Liebermanns auch Präsident der Berliner Sezession war, den Rückzug von den Auseinandersetzungen um die deutsche Kunst und die Durchsetzung seiner eigenen Vorstellungen gesucht und gefunden.
In "Blumenvase auf einem Tisch" vermischen sich die starken Rot- und Gelbtöne der Blüten mit dem Grün des durch das Fenster sichtbaren Gartens. Die Konturen der dunklen Vase, des Tisches, der Stuhllehne und des Fensterrahmens treten gegenüber der Farbenpracht der Blumen in den Hintergrund. Dieses Aquarell trägt die ambivalenten Züge vieler von Corinths Stillleben: Es ist dem Auge ein Fest und gleichzeitig ein memento mori, da das gedämpfte Licht und die vom schwülen Duft des Verblühens getränkte Atmosphäre Gedanken an das Vergehen aller Dinge aufkommen lassen.
vgl. Margarete Heck, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 223.
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