Untitled (Made by Franz West)
Franz West
1976/77
1974 entdeckt Franz West die Collage als Experimentierfeld. Von Anfang an stellt billiges Bildmaterial der Alltagskultur den Ausgangspunkt für Überarbeitungen in unterschiedlichen Techniken dar. Durch das Zusammenfügen von heterogenen Motiven auf der Bildfläche, das Zitieren bekannter visueller Versatzstücke und das Ergänzen mit eigenen Kommentaren dringt West tief in das Wesen der Collage ein. "Untitled (Made by Franz West)" aus den Jahren 1976/77 nimmt eine Sonderposition innerhalb der frühen Collagen ein. Beim zentralen Motiv handelt es sich um eine Schwarz-Weiß-Vorlage eines Frauenaktes in grobem Rasterdruck. Der Körper wird flächendeckend von einer goldenen Farbschicht, der körniger Gips beigemengt wurde, eingefasst. Das Moment des Verfremdens, durch das sich Collagen sehr oft auszeichnen, kommt entlang der Körperkonturen zum Zug. West greift in den nackten Frauenkörper in aufreizender Pose durch Überarbeitungen so stark ein, dass die Anatomie komplett deformiert wird. Ziel ist ein persiflierendes Hervorheben der Rundungen des weiblichen Körpers und ein prononciertes Spiel mit konkaven und konvexen Formen. Dadurch wird der Illusionismus der Darstellung zweimal gebrochen: einmal, indem der in grobe schwarze Punkte aufgelöste Frauenkörper sich durch eine explizite Künstlichkeit auszeichnet (und dadurch nicht zufällig an die amerikanische Pop Art denken lässt), ein zweites Mal, indem er in Folge der gewaltsamen Korrekturen durch den Künstler sein letztes erotisches Potenzial verliert. Um der Absurdität dieses Körperideals die Krone aufzusetzen, setzt West eine in der Art der gleichzeitig entstehenden Passstücke gehaltene amorphe rote Form direkt auf den Kopf.
Das Pin-up scheint auf dem flächig gestalteten Hintergrund zu schweben. Die den Goldgrund in unregelmäßigen Abständen überziehenden Herzformen haben eine ornamentale Funktion und stehen für die Liebe. Zwei rote Herzchen scheinen dabei in den weiblichen Schoß eindringen zu wollen. Sie fungieren als Zeichen für den in der Kunstgeschichte prominent vertretenen Danae-Mythos, ohne dass West damit jedoch die Lesbarkeit seiner Collage in eine eindeutige Richtung lenken möchte.
Das ironische Spiel mit der Erschaffung eines weiblichen Körpers, den eigenen (männlichen) Wünschen und Projektionen folgend, findet schließlich auch in der Titelgebung seine Fortsetzung. "Made by Franz West" verstärkt sowohl den Aspekt des Gemachten als auch die Bedeutung der Autorschaft und stellt eine Anspielung auf den Topos der künstlerischen Formung einer Idealfrau dar. Durch die Wahl eines collagierten Bildmotivs, das von einem anonymen Urheber stammt, wird die Autorenrolle von Franz West gebrochen.
Christina Natlacen, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 262.
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