Ugo da Carpi, Der Tod des Ananias, Inv. Nr.: DG2002/290
Der Tod des Ananias
Ugo da Carpi, Der Tod des Ananias, Inv. Nr.: DG2002/290
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Der Tod des Ananias

Ugo da Carpi

1518




Künstler:in (Carpi bei Ferrara um 1480 - 1532 Rom)
Nach (Urbino 1483 - 1520 Rom)
Date1518
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesClair-obscur-Holzschnitt in vier Platten (braun)
DimensionsBlatt: 27 x 38,1 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG2002/290
Edition1. Zustand (Bartsch)
InscribedM.u. Inschrift: "RAPHAEL. VRBINAS. / QVISQVIS. HAS. TABELLAS. INVITO. AVTORE. INPRIMET. EX. DIVI. LEONIS. X. / AC. ILL. PRINCIPIS. ET. SENATVS. VENETIARVM. DECRETIS. EXCOMVNICATI / ONIS. SENTENTIAM. ET. ALIAS. PENAS. INCVRRET. / ROME. APVD. VGVM. DE. CARPI. INPRESSAM. M.DXVIII."; l.u. "P. Mariette 1668" (in Feder)
Signed
Im Kontext der Sammlung
Dieses Blatt befindet sich auf Seite It/I/1/16 des Klebebandes Italien nach Sektionen I/1. Der Band ist Teil der historischen Druckgrafiksammlung Herzog Alberts von Sachsen-Teschen und seiner Gemahlin Marie Christine. Die Druckgrafiken dieser Sammlung werden in ledergebundenen Folianten verwahrt, die traditionell als „Klebebände“ bezeichnet werden. Die Sammlung als solche ist nach europäischen Kunstlandschaften gegliedert und umfasst die Bereiche Deutsch, Frankreich, Holland und die Niederlande, Italien sowie England. Der Klebeband, in welchem sich die vorliegende Seite befindet, umfasst Arbeiten aus dem Raum Italien. Er gehört in der Sammlungsstruktur zur Sektion 1, welche vornehmlich Grafiken beinhaltet, bei welchen Erfindung und druckgrafische Ausführung meist in der Hand derselben Künstlerin bzw. desselben Künstlers liegt. Es ist der 1. Klebeband dieser Sektion. Über den Bereich „Verbundene Objekte“ können Sie den gesamten Klebeband einsehen.
Die historischen Klebebände der Albertina konnten in einem umfassenden Forschungs- und Digitalisierungsprojekt erschlossen und digital zugänglich gemacht werden. Insgesamt umfasst die Sammlung der Albertina 1436 historische Folianten, davon beinhalten 749 die Druckgrafiken des herzoglichen Sammlerpaares. Mehr zum Projekt
Text

Raphael arbeitete ab etwa 1514 an dem Projekt einer monumentalen Teppichserie mit Darstellungen der Taten von Petrus und Paulus gemäß der Schilderung in der Apostelgeschichte. Ende Dezember 1516 waren alle seitenverkehrten Kartons für die Wandteppiche vollendet. Sie wurden anschließend in Brüssel in der Werkstatt des Pieter van Aelst gewebt, und ein Teil von ihnen konnte Weihnachten 1519 in der Sixtina öffentlich ausgestellt werden. Die Teppiche wurden unterhalb der von Perugino, Botticelli, Ghirlandaio und anderen Künstlern gemalten Wandfresken am Sockel der Sixtinischen Kapelle aufgehängt. Noch vor der endgültigen Lieferung der Tapisserien hat Raphael für die Verbreitung seiner Entwürfe gesorgt, denn ein Kupferstich von Agostino Veneziano nach der Darstellung der Blendung des Elymas wurde bereits 1516 gedruckt (B. XIV, S. 48f., Nr. 43). Eine andere Teppichszene gibt Ugo da Carpis 1518 datierten Tod des Ananias wieder, der gegenüber dem Karton spiegelbildlich ist und somit der Richtung des Teppichs entspricht. Der Tod des Ananias ist wie der Clair-obscur-Holzschnitt des Aeneas und Anchises mit vier Platten gedruckt und weist im ersten Zustand eine gleichlautende Inschrift am unteren Rand auf. Sie garantiert Ugo für das Blatt das Urheberrecht durch Papst Leo X. und den venezianischen Senat. Bereits im Jahre 1516 hatte der Künstler in Venedig um das Privileg für die Erfindung der Technik des Clair-obscur-Holzschnittes angesucht. In diesem Holzschnitt bezieht sich das »Copyright« jedoch nur auf die Darstellung. Von dem Karton und dem Teppich unterscheidet sich Ugos Blatt in wesentlichen Einzelheiten (vgl. Shearman 1972, S. 99ff.): Das verkürzte Paviment mit Fliesen fehlt, und der Hintergrund ist detailreicher durch Obelisken, antikes Gemäuer und eine überschnittene Statue auf einer Säule gestaltet. In der endgültigen Ausführung entsteht zudem eine überzeugendere Verbindung zwischen den seitlichen Gruppen und den Aposteln durch den Fensterausschnitt am rechten Rand und das Gewölbe unterhalb der Treppe auf der linken Seite. Kompositionell stimmt Ugos Blatt mit einem Kupferstich überein, den nach A. Bartsch Agostino Veneziano und Raimondi gemeinsam gestochen haben (B. XIV, S. 47f., Nr. 42). Die Komposition ist dort allerdings seitlich und am oberen Rand erweitert. Es wurde verschiedentlich angenommen, Ugos Holzschnitt sei nach dem Kupferstich entstanden (Johnson 1982; Landau und Parshall 1994). Dies ist aber auszuschließen, denn in Ugos Clair-obscur ist die Szene ungleich raumhafter wiedergegeben, die Figuren lösen sich voneinander und agieren mit größter Spontaneität. Ihre Gesichter stehen dem Ideal Raphaels sehr viel näher als die ausdrucksärmeren, fast schematisch anmutenden Gestalten im Stich. In diesem wirkt Ananias alt und faltig, und die Figur neben ihm trägt einen Vollbart. Wahrscheinlich entstand der Kupferstich nach dem Clair-obscur erst nach dem Tode Raphaels (vgl. dagegen Shearman 1972, S. 100) oder nach einer Vorlage, die sich von der Ugos unterschied. Ugo verwendete sicher einen frühen, nicht erhaltenen Entwurf Raphaels für den Tod des Ananias in der Art seiner Vorzeichnung in Windsor Castle für die Blendung des Elymas (Knab, Mitsch, Oberhuber 1983, Nr. 524). Durch den Gebrauch von vier Platten gelingt es ihm, eine Fülle von Farb- und Lichtwerten zu erzeugen sowie zugleich die klassische Geschlossenheit der Komposition und würdevolle Erhabenheit der Figuren zu bewahren. Die hellste Tonplatte deckt die meisten Bereiche der Darstellung ab und bildet den Grundton für die Gewänder und Architekturen. Mit der zweithellsten Platte schafft Ugo breitflächige Schattenlagen oder konturiert die Architekturen im Hintergrund in einer Art, die an Burgkmairs Clair-obscur-Holzschnitt Der Tod überfällt ein Liebespaar (Albertina, Inv. DG1934/75) erinnert. Die Farbe der dunkelsten Tonplatte mutet wie mit der Pinselspitze aufgetragen an, und die Schwarzplatte setzt nur noch Akzente und schafft Vertiefungen in den Schattenbereichen. Die schwarze Strichplatte dient nun nicht mehr zur vollständigen Beschreibung der Darstellung wie noch in Ugos Hieronymus nach Tizian (Albertina, Inv. DG2002/324).
Im zweiten Zustand (Albertina Inv. DG2002/292 und Inv. DG2002/293) brachte Ugo seinen Namen und den Raphaels innerhalb der Szene an der unteren Treppenstufe an, indem er sie in die hellste Tonplatte schnitt. Dies geschah vermutlich, weil die Inschrift des ersten Zustands zu leicht abtrennbar war, wie J. Johnson (1982) plausibel gemacht hat. Im zweiten Zustand sind vor allem an der Strichplatte einige kleinere Fehlstellen zu beobachten. So fehlt etwa die Konturlinie an der hinteren Wange des Ananias, an der ausgestreckten Hand der knienden Gestalt neben ihm sowie am Bart der männlichen Figur am rechten Rand. Die prachtvolle Wirkung des Holzschnitts wird dadurch aber keinesfalls eingeschränkt.  

 

Literatur: Zanetti 1837, S. 8f., Nr. 3–4; Vasari, Ausg. Milanesi, Bd. V, 1880, S. 421; Seibt 1891, S. 45; Kristeller 1912, S. 49; Reichel 1926, Taf. 33; Pittaluga 1930, S. 234; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 77–78; Shearman 1972, S. 99f.; Trotter 1974, S. 17ff., 73ff.; Servolini 1977, S. 9ff., Kat. 6, Tav. XII; Johnson 1982, Kat. 12; Karpinski 1983, S. 54; Landau und Parshall 1994, S. 150, Fig. 153; Mantua und Wien 1999, Nr. 11; Rom, Weimar und München 2001–2003, Kat. 6 (Text v. D. Graf); Tokio 2005, Kat. 12a–b; Sassi 2009, S. 73f.; Carpi 2009, Nr. 19 (Text v. M. Rossi); Takahatake 2010, S. 320f.

Der "Tod des Ananias" ist wie der Clair-obscur mit "Aeneas und Anchises" (Inv. DG2002/304) mit vier Platten gedruckt und ebenfalls 1518 datiert. Die lange Inschrift mit den Privilegien von #Papst Leo X. und dem Venezianischen Senat unterhalb der Darstellung kommt nur im ersten Zustand vor. Im zweiten Zustand brachte Ugo nur die Signatur an, und zwar innerhalb der Szene. Vermutlich war die Inschrift zu leicht abtrennbar, wie Johnson (1982) plausibel gemacht hat. Bereits im Jahre 1516 hatte der Künstler in Venedig um das Privileg auf die Erfindung der Technik des Clair-obscurs angesucht. In diesem Holzschnitt beziehen sich die Rechte nur auf die Darstellung.
Noch vor der endgültigen Lieferung der Teppiche hat Raphael für die Verbreitung seiner Entwürfe gesorgt, denn #Agostino Venezianos Kupferstich mit der "Blendung des Elymas" (Bartsch 1803-1821, 14, S. 48 f., Nr. 43) wurde bereits 1516 gedruckt. Ugos Clair-obscur mit dem "Tod des Ananias" entspricht der Richtung des Teppichs, ist also gegenüber dem Karton seitenverkehrt. Von diesem unterscheidet er sich in wesentlichen Details (vgl. Shearman 1972): das verkürzte Paviment mit Fliesen fehlt, und der Hintergrund wird durch Obelisken, antikes Gemäuer und eine überschnittene Statue auf einer Säule angereichert. Im Karton ist die Verbindung, die zwischen den seitlichen Gruppen und den Aposteln durch den Fensterausschnitt rechts und den Bogen unterhalb der Treppe links hergestellt wird, zweifellos überzeugender. Mit Ugos Darstellung stimmt ein Kupferstich überein, der nach Bartsch Agostino Veneziano und #Marcanton gemeinsam gestochen haben (Bartsch 1803-1821, 14, S. 47 f., Nr. 42). Die Komposition ist dort allerdings ergänzt, denn bei Raphael und Ugo sind die Figuren seitlich und oberhalb überschnitten. Man hat angenommen, dass der Holzschnitt nach dem Kupferstich entstanden ist (Johnson 1982; Landau/Parshall 1994). Wahrscheinlich ist aber das Gegenteil der Fall. Bei Ugo ist die Szene ungleich raumhafter, die Figuren sind voneinander gelöst und agieren mit völliger Freiheit. Die Gesichter sind ausdrucksvoller und stehen Raphael ungleich näher. Im Stich wird Ananias alt und faltig, und die Figur rechts neben ihm trägt einen Bart. Die Details im Hintergrund sind identisch mit dem Farbholzschnitt, doch fehlt die Schattierung an der linken Seite des Vorhangs oder die Linien am Sockel unter dem rechten Pfeiler. Wahrscheinlich entstand der Kupferstich nach dem Clair-obscur erst nach dem Tode Raphaels (vgl. dagegen Shearman 1972, S. 100), da er stilistisch etwa dem Stich von Marcanton mit der "Predigt des Paulus in Athen" (Bartsch 1803-1821, 14, S. 50, Nr. 44) entspricht. Ugo lag sicher ein Entwurf Raphaels in der Art der Zeichnung in Windsor (Knab/Mitsch/Oberhuber 1983, Nr. 524) für die "Blendung des Elymas" vor, nach der Agostinos Stich von 1516 entstanden ist. Durch die Verwendung von vier Platten gelingt es Ugo, eine Fülle von Farb- und Lichtwerten wiederzugeben und zugleich die klassische Geschlossenheit der Komposition und das Würdevolle der Figuren zu bewahren. Die beiden helleren Tonplatten sind zumeist flächig und geben den Grundton der Gewänder und Inkarnate an. Die dunkelbraune Tonplatte kann wie feine Pinselstriche aufgetragen sein, während das Schwarz nur Akzente setzt. Wie bei "Aeneas und Anchises" verzichtet Ugo nahezu völlig auf die schwarze Strichplatte.
In den Offizien befindet sich eine Kopie nach der zentralen Apostelgruppe von #Parmigianino, die laut Ponce (1976, S. 174, Pl. 42) nach einer verlorenen Zeichnung Raphaels entstanden sein könnte, möglicherweise aber frei nach Ugos Clair-obscur geschaffen wurde.

Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 11, S. 72.

Catalogue raisonné
  • Bartsch XII.46.27
  • Le Blanc I.595.9
  • Karpinski 1971, 46.27 I
  • Bibliography
  • Vasari, Bd. V, S. 421
  • Pittaluga 1930, S. 234, Fig. 169
  • Reichel 1926, Taf. 33
  • Servolini 1933, S. 29
  • AK Paris/Rotterdam 1965/66, S. 33, Nr. 77-78
  • Oberhuber 1972, S. 122, Abb. 117
  • Shearman 1972, S. 99-101, Fig. 60
  • Trotter 1974, S. 9 ff., S. 73-75
  • AK Cambridge 1974, S. 56-57, Nr. 36 (D. Warner)
  • Servolini 1977, Nr. 6, Taf. XVII,
  • Johnson 1982, S. 63-67, Nr. 12 I
  • AK Paris 1983/84, S. 388 f., Nr. 85 (P. Jean-Richard)
  • AK Città del Vaticano 1984/85, S. 367, Nr. 139 (R. Harprath)
  • AK Genf 1984, S. 27, Nr. 22 (R. M. Mason)
  • Karpinski 1989, S. 102
  • Cordellier/Py 1992, S. 264
  • Landau/Parshall 1994, S. 150, Abb. 153
  • AK Mantua/Albertina 1999, Nr. 11 (A. Gnann), Achim Gnann, AK, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, Nr. 36
  • Provenance
  • Pierre-Jean Mariette

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    Last edited16.08.2021