Raphaels Unterhaltung mit seiner Geliebten
Anonym
nach 1520
Der in vier Platten gedruckte Clair-obscur-Holzschnitt gibt einen Holzschnitt von Ugo da Carpi (Albertina, Inv. DG2002/322) gegenseitig und in größerem Format wieder. Dargestellt ist ein bärtiger Mann mit Hut in kurzer Tunika im Gespräch mit einer sitzenden Frau in antikischer Gewandung. Die Szene, die gewöhnlich Raphaels Unterhaltung mit seiner Geliebten genannt wird, wurde bislang noch nicht zweifelsfrei gedeutet, was auch an dieser Stelle nicht erfolgen kann. Die Kugel ist gewöhnlich ein Attribut der Fortuna, der sich die in der Art eines Pilgers gekleidete Figur zuwendet und über das Schicksal seines zukünftigen Weges zu befragen scheint. Laut R. Artioli findet sich der charakteristische Hut bei Darstellungen des Odysseus, und W. H. Trotter zufolge könnte es sich um die Darstellung des Odysseus und die Allegorie der Fortuna oder um Aeneas im Gespräch mit der Cumäischen Sibylle handeln In der früheren Literatur hat man bei dem hier besprochenen Blatt bisweilen an eine eigenhändige Wiederholung von Ugo da Carpi gedacht, was aber angesichts der vergröberten Wiedergabe auszuschließen ist. Vor allem bei der Frauengestalt sind die mangelhafte Verkürzung des quer über das Bein gelegten Armes oder die fehlende Rundung des Oberkörpers festzustellen, die im Original durch die dünnen Schraffuren mit der Strichplatte erwirkt werden. Während sie in Ugos Blatt den Kopf leicht zur Seite neigt und ruhig und gespannt zuhört, gelingt es in diesem Holzschnitt nicht, einen Eindruck inniger, zutiefst persönlicher Zwiesprache zu erwecken. Die dicke Konturierung der Körper und die grob geschnittenen Tonplatten lassen keinen Bezug zu den feinen, extrem differenziert gestalteten Holzschnitten von Ugo erkennen. Es handelt sich somit gewiss um eine Kopie, bei der J. Johnson an den Formschneider dachte, der den Clairobscur des Mannes mit erhobenen Händen nach Raphael ausgeführt hat. K. Karpinski (1976, Nr. 8) hat diesen dem Meister NDB zugeschrieben. D. Graf sieht bei dem hier besprochenen Blatt hingegen Parallelen zum Werk von Niccolò Vicentino. M. E. sind die Bezüge nicht ausreichend, um die Kopie mit Gewissheit einem dieser beiden Meister zuzuschreiben. Die Holzschnitttechnik des Meisters NDB ist linearer, und bei Niccolò Vicentino sind die Figurenbewegungen fließender und geschmeidiger, zumal er geschlossene Farbflächen verwendet, die wie eine zähflüssige Masse verlaufen, und Lichthöhungen, die schlierenartig über die Oberfläche gleiten. In dem vorliegenden Druck wirkt der Farbverlauf der dunkelsten Tonplatte, die nicht von Ugos Vorbild übernommen, sondern hinzugefügt wurde, wie mit dicken Pinselstrichen aufgesetzt. W. H. Trotter hat auf den experimentellen Charakter dieses Druckes aufmerksam gemacht. In dem hier vorliegenden späteren weist die Schattierung in der Tür im oberen und im unteren Bereich große Fehlstellen auf, ohne dass sogleich zu entscheiden wäre, ob diese Partien verändert wurden oder, was wahrscheinlicher ist, abgebrochen sind. Ferner existiert ein weiterer Zustand des Drucks in drei Platten (Albertina, Inv. DG2002/320; B. XII, S. 141, Nr. 3). Er ist leicht am Fehlen des Schattens hinter der Frauengestalt zu erkennen, der sich im ersten Zustand bis zum Kopfbereich erstreckt.
Literatur: Zanetti 1837, S. 13f., Nr. 15 (Ugo da Carpi zugeschrieben); Seibt 1891, S. 48; Pittaluga 1930, S. 232ff. (Ugo da Carpi); Trotter 1974, S. 24ff., 82ff. (Ugo da Carpi?); Servolini 1977, unter Kat. 11; Johnson 1982, S. 56f., unter Kat. 10; Rom, Weimar und München 2001–2003, Kat. 7 (Ugo da Carpi?; Text v. D. Graf); Carpi 2009, unter Nr. 21 (Text v. M. Rossi)
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