Hl. Hieronymus
Ugo da Carpi
vor 1516
Ugo da Carpi war der erste und bedeutendste italienische Formschneider des Clair-obscur-Holzschnittes im 16. Jahrhundert. Um 1470 in Carpi geboren, arbeitete Ugo spätestens seit 1501 mit bedeutenden Carpigianer Buchdruckern zusammen, für die er Illustrationen und kalligraphische Buchstaben schuf. Daneben war er aber auch als Maler tätig, was den meisterhaften Umgang mit der Farbe in seinen späteren Clair-obscurs erklärt, die er im Gegensatz zu den deutschen Künstlern selbst schnitt. Im Jahr 1511 wird Ugo erstmals in Venedig erwähnt, dem Zentrum des Buchdrucks, in dem Hunderte von Typographen, Verlegern und Händlern tätig waren. Neben Holzschnittillustrationen für verschiedene Bücher schuf er den monumentalen, aus vier Stöcken gebildeten Holzschnitt Das Opfer Abrahams nach einem Entwurf Tizians. Im Juli 1516 suchte Ugo da Carpi mit den Worten »havendo io trovato modo di stampare chiaro et scuro, cosa nova, et mai più non fatta« um ein Privileg, eine Art Copyright, beim venezianischen Senat an (Carpi 2009, S. 182, Nr. 37): Er habe also ein neues, nie dagewesenes Verfahren, in Hell und Dunkel zu drucken, erfunden. Er sagt damit schlicht die Unwahrheit, denn die Technik des Clair-obscur-Holzschnittes war ja bereits Jahre zuvor in Deutschland entwickelt worden. Ugos erster nachweisbarer Clairobscur ist das kleine Blatt mit dem hl. Hieronymus nach einem Entwurf von Tizian. Er wird in der jüngeren Forschung zumeist in die Zeit des Gesuchs um das Privileg 1516 datiert, zumal enge Bezüge zu Figuren in Tizians Gemälden aus dieser Periode bestehen. So ist das markante Haupt des Heiligen unmittelbar mit den Köpfen des Petrus im Zinsgroschen und des Hieronymus in der Madonna mit Kind und vier Heiligen (beide um 1516, Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden; Pallucchini 1969, S. 252, Fig. 123, S. 249, Fig. 105–106) sowie mit den Apostelfiguren in der Assunta (1516–1518) in der Frarikirche vergleichbar. Das Strichgefüge auf dem Blatt weist eine hohe Differenzierung auf. Ugo verwendet etwa lange gebogene Linien, um den Oberkörper zu runden und richtig zu verkürzen, sowie Kreuzlagen in verschatteten Partien. An den beiden Bäumen gebraucht er entweder parallele Lagen oder lockert den Strichverband merklich auf, um diese Partien weiter zurücktreten zu lassen und dem Raum mehr Tiefe zu geben. Die Lichthöhungen runden die Gliedmaßen ab und geben ihnen plastische Fülle. Sie treten nur an den Stellen auf, an denen das Lineament aussetzt. Sie gleichen den mit Pinsel auf Federzeichnungen aufgesetzten Weißhöhungen, wobei die Linien aus den weißen Flächen fransig auslaufen. Ähnlich gestaltet sind diese Höhungen in Clair-obscur-Holzschnitten von Lucas Cranach wie Venus und Armor (British Museum, Inv.-Nr. 1895.0122.268). Beispiele hiervon hat Ugo zweifellos gesehen, vermutlich in Venedig. D. Rosand und M. Muraro erwähnen Drucke mit geringfügig differierenden Tonplatten, doch sind dem Autor derartige Exemplare nicht bekannt geworden. Wiederholt wurde auf die Nähe zu Zeichnungen Tizians wie dessen Studie im Städel Museum in Frankfurt zum hl. Sebastian (Städel Museum, Inv.-Nr. 5518) des Auferstehungsaltars in Bresia (SS. Nazaro e Celso) von ca. 1518–1520 hingewiesen. Vergleichbar sind die Modellierung des Oberarms mit seiner schwungvollen Konturierung und die Herausarbeitung des Muskels mit gebogenen Linien oder die Akzentuierung des Beinmuskels durch zwei lange gekurvte Linien, zwischen die eine Abfolge kurzer Striche eingefügt ist. Es wird verschiedentlich angenommen, Tizian habe seine Kompositionen direkt auf den Holzstock gezeichnet, eine Vorgehensweise des Künstlers, die in zumindest einem Fall durch Giorgio Vasari auch konkret verbürgt ist (Vasari, Ausg. Milanesi, Bd. VII, 1881, S. 437). Vielleicht trifft dies auch bei dem Hieronymus zu, wenngleich nicht auszuschließen ist, dass Ugo eine Zeichnung auf Papier als Vorlage verwendete und diese auf den Druckstock übertrug. Etwas ungewöhnlich ist die Pose des Heiligen, der üblicherweise kniet, auf dem Blatt aber auf einem Block sitzt und in das schmale Format eingezwängt erscheint. Möglicherweise inspirierte den Künstler Michelangelos Ignudo rechts über dem Propheten Joel an der Sixtinischen Decke. Tizian, der sich in diesen Jahren sehr empfänglich für Einflüsse römischer Kunst zeigte, könnte das Motiv von einer Kopie her gekannt haben.
Literatur: Kristeller 1912, S. 49; Suida 1936, S. 288; Mauroner 1941, Kat. 5; Trotter 1974, S. 31, 55ff.; Washington, Dallas und Detroit 1976–1977, Nr. 6; Servolini 1977, S. 8ff., Kat. 1, Tav. XII; Johnson 1982, Kat. 2; Karpinski 1983, S. 123; London 1983, P 18 (Text v. D. Landau); Wethey 1987, S. 21, Kat. 15; Landau und Parshall 1994, S. 150; Joannides 2001, S. 280f.; Rom, Weimar und München 2001–2003, Kat. 1 (Text v. D. Graf); Carpi 2009, Nr. 12 (Text v. S. Urbini)
