Der Selbstmord des Ajax
Giuseppe Nicola Vicentino (Rossigliani)
um 1525-1527 (Neuauflage Andreani 1608)
Wie die Inschrift am rechten unteren Rand angibt, entstand der Clair-obscur-Holzschnitt nach einer Darstellung des Malers Polidoro da Caravaggio (um 1499–1543), der sich im Rom der 1520er Jahre auf die Dekoration zahlreicher Häuserfassaden mit Szenen aus antiker Legende, Geschichte und Mythologie spezialisierte und durch die Nachahmung von antiken Reliefs und Skulpturen einen antiquarischen Stil ausbildete, der große Berühmtheit erlangte. Von den mehr als vierzig identifizierbaren monochromen Fassaden sind heute die meisten aufgrund von Witterungseinflüssen zerstört. Die vorliegende Komposition zeigt den Tod des Ajax, des stärksten und tapfersten Helden der Griechen nach Achill, wegen dessen Waffen er mit Odysseus in Streit geriet. Als sich das Schiedsgericht für Odysseus ausprach, stürzte er sich tief gekränkt ins Schwert. Der eigentliche Schwertstoß ist nicht zu sehen, doch widerspricht die Geste des verzweifelt zu Boden Gesunkenen, der sein Schild ungestüm mit dem linken Arm emporreißt, nicht dieser Deutung. Die Pose könnte von Agostino Venezianos Stich Tod der Tarpeia angeregt worden sein (B. XIV, S. 152, Nr. 185). Die dichte Figurenanordnung und die getreue Wiedergabe der Rüstungen, Waffen und Helme, die von Motiven der Triumphsäulen inspiriert sind, dokumentieren bereits Polidoros voll ausgebildeten Reliefstil all’antica. Dabei sprechen die einfache Schrägreihung der Gestalten und die eher verhaltenen Posen, die sich noch nicht zu komplexeren Bewegungsabläufen zusammenschließen wie bei den Fassaden des Palazzo Ricci von ca. 1522/23 und des Palazzo Gaddi von 1524 für eine Entstehungszeit in den Jahren kurz nach 1520 (Gnann 1997, S. 95ff.). R. Kultzen (1973, S. 638) zufolge war die Szene möglicherweise an einer von G. Mancini (1956–1957, Bd. 1, S. 267, 311) und G. Celio (1638, S. 144f.) überlieferten Fassade in der Nähe der Porta Castello zu sehen. An dieser hatte Polidoro die Verwundung des Scipio Africanus, die Jan Saenredam 1593 gestochen hat (Rom 1960, Tav. XXXII; ebenfalls von G. Bonasone gestochen; Massari 1983, S. 68f., Nr. 74), sowie ein Sibyllenpaar dargestellt (gestochen von Hendrick Goltzius; B. III, S. 77, Nr. 248). Laut R. Kultzen könnten der Tod des Ajax und die von Giorgio Ghisi gestochene Darstellung Gaius Marcius im Gefängnis von Minturnae (B. XV, S. 396, Nr. 26) als Pendants zu dem verwundeten Scipio die Fassade geschmückt haben. In der Tat begegnet man beim Tod des Ajax und der Verwundung des Scipio den gleichen detailliert geschilderten Rüstungen, gelängten Helmformen und den massigen Stämmen einer Baumreihe im Hintergrund, die vom oberen Bildrand abgeschnitten wird. Auch die schweren und behäbigen Körper, die das antike Figurenideal an Monumentalität zu übertreffen suchen, sind äußerst ähnlich. Die Vorlage für Niccolòs Clair-obscur-Holzschnitt hat sich nicht erhalten – eine Kopie der rechten Hälfte der Szene befindet sich im Musée des Beaux-Arts in Lille (Inv. Nr. 1148) –, weshalb nicht mehr festzustellen ist, ob es sich um eine Entwurfszeichnung Polidoros oder eine Kopie nach der Fassadenszene handelte. Der Farbholzschnitt könnte jedenfalls noch in Rom entstanden sein, bevor Niccolò mit Parmigianino nach dem Sacco di Roma 1527 nach Bologna übersiedelte. Der Stil des Blattes spricht für ein frühes Werk des Formschneiders, da die Figuren noch rein flächig aufgefasst sind und sich nicht individuell voneinander absetzen. Die dunkle Tonplatte breitet sich über die Körper aus, ohne sie plastisch hervortreten zu lassen, und die Lichthöhungen im Vordergrund schaffen keine räumliche Wirkung. Es gelingt Niccolò noch nicht, den Gestalten durch Farbe und Licht Substanz zu geben, und deshalb benötigt er die schwarze Strichplatte zur Umschreibung der Formen. Die Linien haben lediglich deskriptive und keine plastisch-modellierende Funktion wie bei der Flucht der Cloelia nach Maturino (Albertina, Inv. DG2002/363), die somit gewiss zu einem späteren Zeitpunkt entstanden ist. Die engsten stilistischen Bezüge bestehen zu der Darstellung im Tempel (Albertina, Inv. DG2002/553) nach einem Entwurf von Parmigianino von ca. 1525/26. Später hat Andrea Andreani die Platten erworben und eine Neuauflage gedruckt, den das hier besprochene Exemplar repräsentiert. Andreani fügte am rechten unteren Rand den Namen des Erfinders der Szene, sein Monogramm, den Druckort Mantua und das Datum 1608 ein, verschwieg aber den wirklichen Schöpfer des Farbholzschnittes, Niccolò Vicentino.
Literatur: Zanetti 1837, S. 27, Nr. 31; Kolloff 1872, S. 726, Nr. 23; Seibt 1891, S. 54; Servolini 1932, S. 66; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 147–148; Kultzen 1973, S. 638; Trotter 1974, S. 28; Karpinski 1983, S. 154; Gnann 1997, S. 96; Mantua und Wien 1999, Kat. 220; Matile 2003, Kat. 47a–b
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