Die Rast bei der Rückkehr der Heiligen Familie aus Ägypten
Anonym
3. Drittel des16. Jahrhunderts
Der Clair-obscur-Holzschnitt eines unbekannten Formschneiders gibt im Gegensinn ein Gemälde von Federico Barocci (1535–1612) wieder, das zu den frühen Meisterwerken des aus Urbino gebürtigen Malers gehört. Barocci hat das Bild um 1570 für Herzog Guidolbaldo von Ferrara gemalt. Später gelangte es in den Besitz von Kardinal Pietro Aldobrandini in Rom und wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach England verkauft, wo sich seine Spuren verloren haben (Olsen 1962, S. 154). Die raffinierte Komposition erlangte sogleich große Beliebtheit und wurde häufig kopiert. Barocci fertige zwei eigenhändige Repliken von seinem Gemälde an. Die eine, für den Grafen Antonio Brancaleoni gemalte, Wiederholung, befindet sich in S. Stefano in Piobbico, die zweite, die der Maler 1573 Simonetto Anastagi nach Perugia sendete, wird heute in der Pinacoteca Vaticana aufbewahrt (Emiliani 2008, Bd. 1, Nr. 26–26.1). Das Aussehen der verschollenen Erstversion ist durch einen gleichseitigen Stich von Raffaello Schiaminossi aus dem Jahre 1612 überliefert (Olsen 1962, Pl. 122b). Auf dieser kniete das Christuskind auf einem Bein, wohingegen es in den beiden eigenhändigen, sonst kompositionell gleichen Repliken, auf einem Kissen sitzt. Baroccis Bild besticht einerseits durch die idyllische Stimmung der Szene mit der Heiligen Familie, die in enger Vertrautheit an einem abgeschiedenen Ort Rast genommen hat, und andererseits durch die raffinierte kompositionelle Anlage. Eine Schräge geht von der auf dem Boden sitzenden, Wasser aus der Quelle schöpfenden Madonna aus. Sie führt über das Christuskind in die Tiefe zu dem Esel, der durch seine Kopfwendung den Blick wieder zum Vordergrund zurückgleiten lässt. Eine gegenläufige Schräge verbindet das Christuskind mit Joseph, der dem Knaben einen Zweig mit Kirschen zur Nahrung reicht. Eine wesentliche Anregung für die Darstellung bot Correggios berühmte Ruhe auf der Flucht (Madonna della Scodella) in der Galleria Nazionale (Parma) mit ihrem gleichfalls bildbestimmenden Diagonalzug. Ferner hat man auf den Einfluss von Michelangelos Madonna Doni in den Uffizien hingewiesen, deren sitzende Haltung bei Baroccis Muttergottes nachklingt (vgl. J. S. Mann, in: Saint Louis und London 2012–2013, S. 112). Der Name des Formschneiders konnte bislang nicht identifiziert werden. Vermutlich hat er das Blatt mit Einverständnis des Malers nach einer Zeichnung von dessen Hand geschnitten. Nachweislich befand sich ein Exemplar des Clair-obscurs in Baroccis Besitz, wie das kurz nach dessen Ableben erstellte Nachlassinventar angibt (Cleveland und Yale 1978, S. 109). Der Formschneider verwendet die Linienplatte vor allem zur Schattierung des Mittelgrunds mit langen Schraffuren, um die Figuren stärker heraustreten zu lassen. Bei den Gewändern stoßen die Farbfelder mit den parallelen Lagen der Strichplatte und den Kreuzschraffuren der Weißhöhung kantig aneinander und ahmen dadurch die für Baroccis Gemälde charakteristische changierende Farbigkeit nach. Barocci hat dieselbe Wirkung freilich in seinen extrem malerischen, lavierten und weiß gehöhten Federzeichnungen vorwegzunehmen gewusst. Im Martin von Wagner Museum in Würzburg existiert eine gegenüber dem Clair-obscur gegensinnige Zeichnung (Hz 7192; Olsen 1962, S. 293 als Kopie) in annähernd gleichem Format. Sie ist mit Kreide ausgeführt und stellenweise mit Feder nachgezogen, gibt die Darstellung aber nicht vollständig wieder und dürfte somit nicht die unmittelbare Vorlage zu dem Holzschnitt gewesen sein.
Literatur: Reichel 1926, S. 61f.; Servolini 1932, S. 98; Olsen 1962, S. 154; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 41; Wien 1966, Nr. 215; Cleveland und Yale 1978, Nr. 80 (Text v. L. S. Richards); Rom, Weimar und München 2001–2003, Kat. 31 (Text v. D. Graf); J. S. Mann, in: Saint Louis und London 2012–2013, S. 109
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