Georg Matheus, Diana und Actaeon, Inv. Nr.: DG2002/350
Diana und Actaeon
Georg Matheus, Diana und Actaeon, Inv. Nr.: DG2002/350
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Diana und Actaeon

Georg Matheus

um 1540-1560




Künstler:in (erwähnt 1554 - 1572, tätig in Augsburg und Lyon (?))
Nach (Florenz um 1500 - 1556 Paris)
Dateum 1540-1560
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesClair-obscur-Holzschnitt in drei Platten (beige, hellbraun)
DimensionsBlatt: 34,4 x 48 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG2002/350
InscribedLinks bezeichnet „IORG M / ATHE / IS“ und rechts darunter Aufschrift „LVICKES . BEN .“/ D . R . ANNA . / INVENTVR .“
Im Kontext der Sammlung
Dieses Blatt befindet sich auf Seite It/I/1/54 des Klebebandes Italien nach Sektionen I/1. Der Band ist Teil der historischen Druckgrafiksammlung Herzog Alberts von Sachsen-Teschen und seiner Gemahlin Marie Christine. Die Druckgrafiken dieser Sammlung werden in ledergebundenen Folianten verwahrt, die traditionell als „Klebebände“ bezeichnet werden. Die Sammlung als solche ist nach europäischen Kunstlandschaften gegliedert und umfasst die Bereiche Deutsch, Frankreich, Holland und die Niederlande, Italien sowie England. Der Klebeband, in welchem sich die vorliegende Seite befindet, umfasst Arbeiten aus dem Raum Italien. Er gehört in der Sammlungsstruktur zur Sektion 1, welche vornehmlich Grafiken beinhaltet, bei welchen Erfindung und druckgrafische Ausführung meist in der Hand derselben Künstlerin bzw. desselben Künstlers liegt. Es ist der 1. Klebeband dieser Sektion. Über den Bereich „Verbundene Objekte“ können Sie den gesamten Klebeband einsehen.
Die historischen Klebebände der Albertina konnten in einem umfassenden Forschungs- und Digitalisierungsprojekt erschlossen und digital zugänglich gemacht werden. Insgesamt umfasst die Sammlung der Albertina 1436 historische Folianten, davon beinhalten 749 die Druckgrafiken des herzoglichen Sammlerpaares. Mehr zum Projekt
Text

Über den aus Augsburg stammenden Formschneider Georg Matheus sind kaum verlässliche biographische Daten bekannt. Den Angaben der graphischen Nachschlagewerke zufolge soll er um 1554 bis 1572 tätig gewesen sein. Er arbeitete möglicherweise auch in Lyon, sofern der Holzschnitt mit einem Dromedar, der nach einer Zeichnung in dieser Stadt entstand, von seiner Hand stammt. Sein in drei Platten gedruckter großformatiger Clair-obscur-Holzschnitt illustriert die von Ovid (Metamorphosen, Buch 3, 138ff.) geschilderte Legende der schicksalshaften Begegnung des Jägers Actaeon mit der Göttin Diana, die sich im Walde gemeinsam mit ihren Nymphen Kühlung im Wasser gönnte. Der planlos umherstreifende Actaeon hatte die Göttin nackt beim Baden erblickt, die ihn aus Zorn darüber mit Wasser bespritzte und in einen Hirsch verwandelte. Im Hintergrund ist gezeigt, wie Actaeon als Hirsch von seinen eigenen Hunden zerfleischt wird. Laut der mit der Strichplatte gedruckten Inschrift geht die Erfindung der Komposition auf Luca Penni zurück. Daneben erscheint der Name »Anna«, laut G. Albricci (1982) die Schwester von Georg Matheus, deren Beteiligung bei der Entstehung des Blattes nicht geklärt ist. Der in Florenz geborene Künstler Luca Penni war der Bruder des Raphael-Schülers Giovanni Francesco und mag noch zu Lebzeiten des Meisters nach Rom gekommen sein, wo er sich intensiv mit den Malereien Raphaels und von dessen Werkstattmitgliedern auseinandersetzte. Nach dem Sacco di Roma begab er sich nach Genua, wo er um 1529 bis 1533 Perino del Vaga bei der dekorativen Ausgestaltung des Palazzo Doria assistierte. Perino war ebenfalls kurzzeitig ein Mitglied in Raphaels Werkstatt und hatte 1525 Pennis Schwester Catarina geheiratet. Ab 1537 ist Lucas Tätigkeit im Dienste des Königs von Frankreich in Fontainebleau dokumentiert, wo er mit Rosso Fiorentino, Primaticcio und anderen italienischen Künstlern arbeitete. Luca Penni zeigte großes Interesse an der druckgraphischen Reproduktion seiner Zeichnungen, von denen zahlreiche zuerst 1544 bis 1547 von den Graphikern der Schule von Fontainebleau, Jean Mignon, Léon Davent und Antonio Fantuzzi, verbreitet wurden. Anschließend dienten sie als Vorlagen für die Stecher Cornelis Bos, Giorgio Ghisi, René Boyvin, Étienne Delaune, Nicolas Beatrizet und andere. Lucas Sohn Laurent, der kurz vor seinem Tod 1556 eine Lehre bei dem Stecher René Boyvin begonnen hatte, begab sich 1559 nach Italien, wo er vermutlich Zeichnungen seines Vaters mitnahm und für eine weitere graphische Reproduktion zugänglich machte. Wenngleich Luca selbst keine Druckgraphiken herstellte, könnte er in der Rolle eines Verlegers für den Druck und Vertrieb seiner Erfindungen tätig gewesen sein, wie unlängst D. Cordellier vermutet hat (Paris 2012–2013, S. 100). Ob Georg Matheus die Vorlage für den Clair-osbcur direkt von Luca in Frankreich, von dessen Sohn Laurent in Italien oder überhaupt von einem anderen Künstler erhielt, ist ungeklärt. Anhand einer Auswertung der Wasserzeichen wäre zu überprüfen, ob die Clair-obscurs in Frankreich gedruckt wurden, wie dies C. Jenkins unlängst für die Blätter des Meisters NDB nachweisen konnte. Luca hat sich verschiedentlich mit der Darstellung der Legende von Diana und Actaeon befasst, hinter der sich wohl eine Anspielung auf das Verhältnis zwischen König Heinrich II. von Frankreich mit seiner Mätresse Diana von Poitiers verbirgt. Das Thema der folgenschweren Begegnung von Diana und Actaeon, der von der Göttin mit Wasser bespritzt wird und sich in einen Hirsch zu verwandeln beginnt, zeigt ein Karton für einen Wandteppich im Louvre, den die Werkstatt nach einer Zeichnung Lucas ausgeführt hat (Paris 2012–2013, Fig. 127). Eine andere Fassung überliefert ein Kupferstich von Jean Mignon (Paris 2012–2013, Fig. 116) nach einem verlorenen Entwurf des Künstlers, in dem die badenden Frauengestalten in einem Renaissancebrunnen vor dem Hintergrund antiker Ruinen erscheinen. Der Clair-obscur-Holzschnitt steht jedoch unmittelbar in Verbindung mit einer graubraun lavierten Federzeichnung von Luca in Warschau (Universitätsbibliothek, Abb. 73), die Étienne Delaune gleichseitig gestochen hat (Paris 2012–2013, Fig. 113). Auf dieser erscheinen der mit Wasser bespritzte, entsetzt zurückweichende Actaeon sowie die Göttin Diana und die neben ihr stehende Nymphe spiegelbildlich in den gleichen Posen wie auf dem Holzschnitt. Auch die Höhle ist in den gleichen Formen angedeutet, wenngleich die Frauengestalten direkt im Quellwasser stehen und nicht in einem Becken wie im Holzschnitt. In diesem ist die Landschaft zudem viel reichhaltiger und prachtvoller geschildert als in der Warschauer Skizze, weshalb von des Existenz einer heute verlorenen größeren und die Darstellung gegenseitig wiedergebenden Zeichnung Lucas als Vorlage für den Clair-obscur auszugehen ist. Auffällig an der Technik von Georg Matheus ist die feine und sorgfältige Durchführung aller Details, bei der die schwarze Strichplatte, die dunkle Tonplatte und die Lichthöhungen in einem sehr ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Die schwarzen Striche der Linienplatte dienen ausschließlich zur Konturierung jener Stellen, die nicht dem Licht zugewandt sind. Der gleiche, sich um deskriptive Klarheit bemühende Stil mit seinen gleichförmig geschnittenen dünnen Linien der Strichplatte und den Glanzlichtern, die sich selten zu geschlossenen Flächen verdichten, findet sich bei dem maßgleichen Blatt Flucht nach Ägypten (Albertina Inv. DG1984/173). [...]

 

Literatur: Nagler 1858–1879, Bd. 4, 1871, S. 454, Nr. 1449; Seibt 1891, S. 56; Strauss 1973, Nr. 66; Albricci 1982, S. 129, Nr. 51; Karpinski 1983, S. 171; Paris 2012–2013, S. 122; Jenkins 2013, S. 140, Anm. 45

 

 

 

Catalogue raisonné
  • Bartsch XII.106.1
  • Passavant IV.312.3
  • Hollstein German XXIII. 9
  • Bibliography
  • Achim Gnann, AK, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, S. 288-291, Nr. 140

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/135739/diana-und-actaeonImage Request
    Last edited19.01.2015

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