Adele Harms, die Schwägerin des Künstlers
Egon Schiele
1917
1917 zeichnet Egon Schiele nicht nur eine Reihe von Aktdarstellungen und Porträts seiner Frau Edith, sondern auch von deren älterer Schwester Adele. Macht es deren Ähnlichkeit an sich schon schwer, die beiden Schwestern voneinander zu unterscheiden, so wird die Identifikation noch durch den Umstand erschwert, dass sich Schiele bei der Kolorierung der Haare oft vom Naturvorbild löst. Die Kolorierung erfolgte erst nachträglich, also nachdem die vor dem Modell gefertigte Zeichnung fertig war. Darüber hinaus wird die zweifelsfreie Identifikation von Edith und Adele 1916/17 zu einem Rätselspiel, weil sich jede der beiden Schwestern aus einem schwarz-weiß gestreiften Vorhang aus Schieles Atelier ein Kleid genäht hatte.
Rahmenaußenmaß 65,4 × 50,3 × 4,9 cm
1917 zeichnet Egon Schiele offensichtlich nicht nur eine Reihe von Aktdarstellungen und Porträts von seiner Frau Edith (Inv. 31122, Inv. 25607) sondern auch von deren älterer Schwester Adele Harms (Inv. 25659). Macht es deren physiognomische Ähnlichkeit an sich schon nicht leicht, die beiden Schwestern als Modelle voneinander zu unterscheiden, so wird die Identifikation noch durch den Umstand erschwert, dass sich Schiele bei der Kolorierung der Haare oft vom Naturvorbild löst. Dass Adele dunkelhaarig war, Edith hingegen blond, hilft bei der Identifikation nicht weiter. Die Kolorierung erfolgte erst nachträglich, also nachdem die vor dem Modell gefertigte Zeichnung fertig war. Darüber hinaus wird die zweifelsfreie Identifikation von Edith und Adele 1917 zu einem Vexierspiel, weil sich jede der beiden Schwestern aus einem schwarz-weiß gestreiften Vorhang aus Schieles Atelier ein Kleid genäht hat.
Offenbar ist es Schiele wie bei der Interpretation der einander fremden Individuen in der Serie der Liebespaare nicht um das unverwechselbare Porträt einer einzigartigen Persönlichkeit zu tun: Schieles nächste Umgebung, Adele so sehr wie Edith, fungieren wie der Künstler selbst als Stellvertreter für psychisch-soziale Zustände.
Die stilistisch homogene Gruppe von jenen drei im Besitz der Albertina befindlichen Frauenbildnissen von 1917 weist eine ebenso breitgefächerte typologische Vielfalt auf, wie sie von vier unterschiedlichen Gefühlszuständen erzählt, von geistig-seelischen Haltungen zur Welt: offen oder verschlossen, hingebungsvoll demütig oder unsicher. Blickregie und differenzierte Gestik tun ein Übriges, um wirkungsästhetisch die emotionale Mannigfaltigkeit dieser Frauenporträts zu garantieren.
Der ausgeprägte Naturalismus in der Darstellung der Gesichter geht mit einer ausgewogenen Stilisierung des Gewandes einher; ein Wechselspiel von Leere und Fülle, koloristischem Gewicht und grafischer Leichtigkeit. Darin artikuliert sich nicht zuletzt ein Wille zur Ornamentalisierung der Gestalten, der an sich bei dem Grad an Nachahmung überrascht. Schiele verschwistert symbiotisch zwei gegenläufige Gestaltungsprinzipien: das Konkrete mit der Abstraktion, die Nachahmung mit dem Ornament, das Gefühl mit der Stilisierung.
Klaus Albrecht Schröder, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 219.
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