Egon Schiele, Adele Harms, die Schwägerin des Künstlers, Inv. Nr.: 25659
Adele Harms, die Schwägerin des Künstlers
Egon Schiele, Adele Harms, die Schwägerin des Künstlers, Inv. Nr.: 25659
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Adele Harms, die Schwägerin des Künstlers

Egon Schiele

1917




1917 zeichnet Egon Schiele nicht nur eine Reihe von Aktdarstellungen und Porträts seiner Frau Edith, sondern auch von deren älterer Schwester Adele. Macht es deren Ähnlichkeit an sich schon schwer, die beiden Schwestern voneinander zu unterscheiden, so wird die Identifikation noch durch den Umstand erschwert, dass sich Schiele bei der Kolorierung der Haare oft vom Naturvorbild löst. Die Kolorierung erfolgte erst nachträglich, also nachdem die vor dem Modell gefertigte Zeichnung fertig war. Darüber hinaus wird die zweifelsfreie Identifikation von Edith und Adele 1916/17 zu einem Rätselspiel, weil sich jede der beiden Schwestern aus einem schwarz-weiß gestreiften Vorhang aus Schieles Atelier ein Kleid genäht hatte.



Künstler:in (Tulln 1890 - 1918 Wien)
Date1917
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesSchwarze Kreide, Pinsel, Deckfarbe auf Japanpapier
Dimensions43,8 × 28,5 cm
Rahmenaußenmaß 65,4 × 50,3 × 4,9 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number25659
Signedr.u. "EGON / SCHIELE / 1917", umrahmt
Text

1917 zeichnet Egon Schiele offensichtlich nicht nur eine Reihe von Aktdarstellungen und Porträts von seiner Frau Edith (Inv. 31122,  Inv. 25607) sondern auch von deren älterer Schwester Adele Harms (Inv. 25659). Macht es deren physiognomische Ähnlichkeit an sich schon nicht leicht, die beiden Schwestern als Modelle voneinander zu unterscheiden, so wird die Identifikation noch durch den Umstand erschwert, dass sich Schiele bei der Kolorierung der Haare oft vom Naturvorbild löst. Dass Adele dunkelhaarig war, Edith hingegen blond, hilft bei der Identifikation nicht weiter. Die Kolorierung erfolgte erst nachträglich, also nachdem die vor dem Modell gefertigte Zeichnung fertig war. Darüber hinaus wird die zweifelsfreie Identifikation von Edith und Adele 1917 zu einem Vexierspiel, weil sich jede der beiden Schwestern aus einem schwarz-weiß gestreiften Vorhang aus Schieles Atelier ein Kleid genäht hat.
Offenbar ist es Schiele wie bei der Interpretation der einander fremden Individuen in der Serie der Liebespaare nicht um das unverwechselbare Porträt einer einzigartigen Persönlichkeit zu tun: Schieles nächste Umgebung, Adele so sehr wie Edith, fungieren wie der Künstler selbst als Stellvertreter für psychisch-soziale Zustände.
Die stilistisch homogene Gruppe von jenen drei im Besitz der Albertina befindlichen Frauenbildnissen von 1917 weist eine ebenso breitgefächerte typologische Vielfalt auf, wie sie von vier unterschiedlichen Gefühlszuständen erzählt, von geistig-seelischen Haltungen zur Welt: offen oder verschlossen, hingebungsvoll demütig oder unsicher. Blickregie und differenzierte Gestik tun ein Übriges, um wirkungsästhetisch die emotionale Mannigfaltigkeit dieser Frauenporträts zu garantieren.
Der ausgeprägte Naturalismus in der Darstellung der Gesichter geht mit einer ausgewogenen Stilisierung des Gewandes einher; ein Wechselspiel von Leere und Fülle, koloristischem Gewicht und grafischer Leichtigkeit. Darin artikuliert sich nicht zuletzt ein Wille zur Ornamentalisierung der Gestalten, der an sich bei dem Grad an Nachahmung überrascht. Schiele verschwistert symbiotisch zwei gegenläufige Gestaltungsprinzipien: das Konkrete mit der Abstraktion, die Nachahmung mit dem Ornament, das Gefühl mit der Stilisierung.

Klaus Albrecht Schröder, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 219.

Catalogue raisonné
  • Kallir Drawings 1990/1998, 1911
  • Bibliography
  • AK Genf 1937, Nr. 140
  • AK Albertina 1943, Nr. 39
  • AK Wien 1945, Nr. 12
  • AK Wien 1946, Nr. 534
  • Künstler 1946, Abb. 25
  • AK Albertina 1948, Nr. 220
  • AK Zürich 1949, Abb.
  • AK Mailand u.a. 1954/55, Nr. 6, Abb.
  • AK Ljubljana 1955, Nr. 6, Abb.
  • AK Zürich 1958, Nr. 73
  • Leopold 1972, Tafel 205
  • Nebehay 1980, Abb. 148 (1989, Abb. 205)
  • AK Hamburg 1981, Nr. 222, Abb.
  • AK Venedig 1984, Nr. 2208
  • AK Albertina 1990, Nr. 150, Abb.
  • Kallir 2003, S. 402
  • AK Albertina 2003/04 a, Nr. 120
  • AK Amsterdam 2005, S. 127, Abb.
  • Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, Nr. 192
  • Klaus Albrecht Schröder in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 219
  • Helmut Friedel und Helena Pereña (Hg.), Egon Schiele "Das unrettbare Ich". Werke aus der Albertina, Ausst.- Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus München, Köln 2011, Nr. 73
  • Klaus Albrecht Schröder, in: Museo Guggenheim Bilbao (Hg.), Egon Schiele. Obras del Albertina Museum, Viena, (Kat. Ausst., Museo Guggenheim Bilbao, Bilbao 2012/2013), Bilbao 2012, S. 178-179 (in spanischer Sprache)
  • Albertina: Schiele bis Giaccometti , hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Bad Vöslau: Grasl Druck & Neue Medien 2003, Abb.34
  • Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger (Hg.), Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914-1918 (Ausst. Kat. Leopold Museum, Wien 2025), Köln 2025, Abb. S. 140
  • Provenance
  • Emil Benedikt (1874-1935), Wien
  • 1929 Albertina, Wien (erworben von Emil Benedikt, Wien)

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    Last edited22.04.2025