Augustus und die Tiburtinische Sibylle
Antonio da Trento
um 1529-1530
Der bereits von Giorgio Vasari (Ausg. Milanesi, Bd. V, 1880, S. 423) als Die Sibylle prophezeit Augustus die Geburt Christi erwähnte Farbholzschnitt ist eines der schönsten Werke von Antonio da Trento. Gegenüber dem Martyrium des hl. Paulus und der Verurteilung des hl. Petrus (Albertina, Inv. DG2002/466) wurden die Linien der schwarzen Strichplatte nun kontrollierter und ökonomischer eingesetzt, wodurch die Figuren an Körperlichkeit, der Raum an Tiefe und die Komposition an Klarheit gewinnen. Die Darstellung greift eine Bildtradition auf, die vermutlich auf Pietro Cavallinis verlorenes Apsisfresko in S. Maria in Aracoeli zurückgeht: Die beiden Hauptfiguren stehen nebeneinander und wenden sich der himmlischen Erscheinung zu, die seitlich im oberen Bereich sichtbar ist. In dem Gebäude rechts ist vielleicht der von Augustus anlässlich des Friedens errichtete prächtige Tempel zu erkennen, der bei der Geburt Christi einstürzte, und der Sockel linker Hand weist eventuell auf den Altar hin, den der Kaiser im Anschluss an dieses Ereignis auf dem Kapitol erbaute (Vayer 1963, S. 39ff.). Die Komposition ist neben einem Kupferstich von Giulio Bonasone (Heinecken 1789, Bd. 3, 1789, S. 138, Nr. 76) und einem Giorgio Reverdino zugeschriebenen Stich (Baudi di Vesme 1938, Nr. 75) auch durch einen Clair-obscur von Niccolò Vicentino überliefert (Albertina, Inv. DG2002/525). Zu der Hauptgruppe haben sich verschiedene spiegelbildliche Studien Parmigianinos erhalten (Wien 2013, Abb. 49). Eine Radierung von Francesco Rosaspina gibt zudem einen verlorenen Gesamtentwurf wieder, der dem Holzschnitt am nächsten steht, sich von diesem aber noch in verschiedenen Details unterscheidet. Die endgültige Vorzeichnung des Meisters hat sich nicht erhalten (vgl. Popham 1971, Nr. 398, 595, 802, O. R. 89, Pl. 126–128). A. E. Popham (1969, S. 49) hat auf einen Tagebucheintrag von Alessandro Vittoria vom Februar 1558 hingewiesen, dem zufolge der Bildhauer von Battista Pittoni »Una tavoleta di legno di perro dissegnata con la Sibila Cumana et Otaviano imperatore di man dil soprascritto ms. Francesco Parmigianino« gekauft habe (Cigogna 1827, S. 126). Dieser Angabe zufolge hat Parmigianino die Komposition der Tiburtinischen Sibylle und des Augustus direkt auf ein Täfelchen aus Birnbaumholz gezeichnet. Es könnte aber auch lediglich gemeint sein, dass die Erfindung der Darstellung auf dem Holzstock von dem Künstler stammt. Popham (1969) nahm an, dass Parmigianino auch andere Entwürfe für den Holzschnitt direkt auf die Druckplatte gezeichnet hat. Da auf einer der Vorzeichnungen eine Studie zu dem Vorhang in der Madonna della Rosa (Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden) von ca. 1529/30 auftaucht (Popham 1971, Nr. 595 Verso, Pl. 128), lässt sich die Erfindung unserer Darstellung genau in diese Jahre datieren. Bereits in der Einleitung wurde die von Vasari (Ausg. Milanesi, Bd. V, 1880, S. 187) überlieferte Episode erwähnt, der zufolge Antonio eines Tages einen Kasten mit all den Holzschnitten, Kupferstichen und Zeichnungen Parmigianinos stahl und mit der Beute floh. Das folgenschwere Ereignis, das die Trennung von dem Formschneider nach sich zog, kann somit erst am Ende seines Aufenthaltes in Bologna stattgefunden haben, wo Parmigianino bis 1530/31 ansässig war.
Weitere Exemplare dieses Clair-obscur-Holzschnitts sind in der Albertina erhalten (Inv. DG2002/526, Inv. DG2002/528, Inv. DG1121, Inv. DG1122).
Literatur: Nagler 1835–1852, Bd. 4, 1837, S. 244; Zanetti 1837, S. 18, Nr. 19; Kolloff 1878, S. 154, Nr. 22; Seibt 1891, S. 52; Artioli 1901, S. 124; Reichel 1926, S. 34; Pittaluga 1930, S. 241; Copertini 1932, Bd. 2, S. 39, Tav. CXXIV; Florenz 1956, S. 18, Nr. 24; Zava Boccazzi 1962, S. 58, Nr. 4; Wien 1963, Nr. 111; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 133; Popham 1969, S. 49ff., Fig. 1; Popham 1971, S. 13, Fig. 24; Trotter 1974, S. 179ff.; Franklin 1977, S. 28; Goldfarb 1981, S. 315ff.; Karpinski 1983, S. 141; New York 1986, Nr. 45; Los Angeles 1988–1989, Nr. 49; Gnann 2002, S. 294; Parma und Wien 2003, Nr. 2.4.12 (Text v. A. Gnann); Parma 2003, Nr. 93 (Text v. C. Farinelli); Ottawa und New York 2003–2004, Nr. 62; Tokio 2005, Kat. 22; Ekserdjian 2006, S. 221, Fig. 238; Gnann 2007, S. 189; München und Frankfurt 2007–2008, Kat. 66–67; Budapest 2009– 2010, Kat. 46
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/136507/augustus-und-die-tiburtinische-sibylleImage Request