Egon Schiele in Pose
Anton Josef Trčka
1914
Karton: 24,9 × 17,4 cm (9 13/16 × 6 7/8 in.)
Passepartout (ESA PPA 1): 40 × 30 cm (15 3/4 × 11 13/16 in.)
Nur drei Jahre jünger als Egon Schiele wurde #Anton Josef Trčka als Fotograf zum kongenialen Partner des Älteren. So epigonal #Trčka als Maler, Graphiker und Bildhauer ist; als Fotograf schuf er Akte, Landschaften und vor allem Porträts, die zum Besten der Zwischenkriegszeitfotografie zählen: eine Symbiose aus Piktorialismus, secessionistischer Stilisierung, expressiver Körpersprache und der für das Art Deco typischen mondän-kapriziösen Bildsprache. #Trčkas bekannteste Werke wurden die noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs entstandenen Bildnisse von Egon Schiele und #Gustav Klimt. (Faber 1999, S. 36 ff.)
Die Frage nach der eigentlichen Autorschaft der sechs Fotografien von Schiele – der sich inszenierende Schiele oder der hinter der Kamera stehende #Trčka – lässt sich nicht sinnvoll nach nur einer Seite beantworten. Für die ästhetische Wirkung sind der knappe Bildausschnitt und die flächenfüllende Komposition mit der nah an den Betrachter und an den Bildrand herangerückten Figur des Dargestellten essentiell. Das sind räumlich-kompositorische Gestaltungsprinzipien, die Schiele in seinen Gouachen nie, in den kleinformatigen Gemälden der sogenannten Bretter selten anwendet. Am nächsten kommt dem nahen Bildausschnitt der Porträtfotografien Schieles Öl-Studie zu den Eremiten, das „Selbstbildnis mit gesenktem Kopf“ von 1912 (Leopold Museum, Wien). Im Jahr der Entstehung der Fotografien schafft Schiele längst wieder Distanz zwischen Modell und Betrachter. Auch die klare innerbildliche Rahmung der fotografischen Porträts und die orthogonale Gliederung des Hintergrunds zählen nicht zu Schieles Formvokabular. Vollends ist die von #Trčka vor allem durch die Nachbearbeitung in der Dunkelkammer, die durch Retusche bewerkstelligte Präsentation Schieles in einem eigenen Vordergrundraum und seine Hinterlegung mit einem lichtvollen, diaphanen Hintergrund #Trčkas ureigenste Lösung. Licht und Dunkelheit als eigenständige Medien spielen für Schiele keine Rolle mehr. Deren Darstellung ist an ein Konzept des ästhetisierenden Naturalismus gekoppelt, das Schiele längst überwunden hat.
Umgekehrt sollte aber der gestalterische Anteil Schieles an den Fotografien nicht unterschlagen werden. Das performative Sich-In-Szene-Setzen; die betonte Körpersprache – sie kombiniert auch hier die verkrampften Hände entweder mit einem ruhigen oder mit einem zielgerichtet konzentrierten Blick ; diese gestisch-mimisch vermittelte Wirkungsästhetik ist Schieles eigenem Verständnis von Inszenierung, theatralem Rollenspiel und der für ihn so typischen Inkohärenz zwischen Gesichtsausdruck und Körpersprache zu danken. Diese Exaltiertheit fällt so sehr auf, dass #Trčkas Bildkomposition und Lichtregie sowie die ebenfalls allein dem Fotografen geschuldete präzise gestaltete Figur-Rahmen-Konstellation leicht übersehen wird. Die Serie der sechs Fotografien mit Egon Schiele sind in ihrer formalen Eigenart nur als partnerschaftlich gleichberechtigte Arbeit zu verstehen: Bildnisfotografie und Selbstporträt zugleich.
Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 270-272.
