Ugo da Carpi, Saturn, Inv. Nr.: DG2002/506
Saturn
Ugo da Carpi, Saturn, Inv. Nr.: DG2002/506
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Saturn

Ugo da Carpi

1524-1527




Künstler:in (Carpi bei Ferrara um 1480 - 1532 Rom)
Nach (Parma 1503 - 1540 Casalmaggiore)
Date1524-1527
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesClair-obscur-Holzschnitt von vier Platten
DimensionsBlatt: 43,6 x 32,1 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG2002/506
Edition1. Zustand (Bartsch)
Im Kontext der Sammlung
Dieses Blatt befindet sich auf Seite It/I/2/43 des Klebebandes Italien nach Sektionen I/2. Der Band ist Teil der historischen Druckgrafiksammlung Herzog Alberts von Sachsen-Teschen und seiner Gemahlin Marie Christine. Die Druckgrafiken dieser Sammlung werden in ledergebundenen Folianten verwahrt, die traditionell als „Klebebände“ bezeichnet werden. Die Sammlung als solche ist nach europäischen Kunstlandschaften gegliedert und umfasst die Bereiche Deutsch, Frankreich, Holland und die Niederlande, Italien sowie England. Der Klebeband, in welchem sich die vorliegende Seite befindet, umfasst Arbeiten aus dem Raum Italien. Er gehört in der Sammlungsstruktur zur Sektion 1, welche vornehmlich Grafiken beinhaltet, bei welchen Erfindung und druckgrafische Ausführung meist in der Hand derselben Künstlerin bzw. desselben Künstlers liegt. Es ist der 2. Klebeband dieser Sektion. Über den Bereich „Verbundene Objekte“ können Sie den gesamten Klebeband einsehen.
Die historischen Klebebände der Albertina konnten in einem umfassenden Forschungs- und Digitalisierungsprojekt erschlossen und digital zugänglich gemacht werden. Insgesamt umfasst die Sammlung der Albertina 1436 historische Folianten, davon beinhalten 749 die Druckgrafiken des herzoglichen Sammlerpaares. Mehr zum Projekt
Text

Die Darstellung zeigt den geflügelten, auf einem Gesims lagernden Gott Saturn (B. XII, S. 125f., Nr. 27, Abb. 47), der in der rechten Hand eine Waage hält. Ihm assistiert ein hinter ihm stehender Amorknabe. Abgebildet ist eine Allegorie der Zeit, denn die Waage ist ein Attribut des Gottes Chronos und die Schlange, die sich um die Beine windet und sich in den Schwanz beißt, ein Symbol der Ewigkeit. A. Bartsch, A. Zanetti und andere sahen den Clair-obscur-Holzschnitt als ein Werk von Ugo da Carpi an, der hierin einer Zeichnung von Parmigianino gefolgt sei. E. Tietze-Conrat wies jedoch darauf hin, dass die Gestalt in Pordenones Fassadenfresko des Palazzo d’Anna in Venedig rechts oben in der Attika (ca. 1530–1535) wiederkehrt. Das Aussehen dieser heute verlorenen Fassade überliefert eine Kopie im Londoner Victoria and Albert Museum (Cohen 1996, Bd. 2, Kat. 79). Von Pordenone existiert ferner eine lavierte und mit Weiß gehöhte Federzeichnung des Saturn (Wien 2013, Abb. 32), die sich bis 1984 in Chatsworth befand (heute Privatbesitz). Auf dieser stimmt die Gestalt seitengleich und in den Maßen mit dem Holzschnitt überein, doch ist das Blatt etwas kleiner, weil es beschnitten wurde. Aufgrund dieser Zeichnung wurde die Darstellung Pordenone zugeschrieben. Den Farbholzschnitt gab man daraufhin Niccolò Vicentino (vgl. London 1983). Es bestehen jedoch auffallende Unterschiede zwischen der Zeichnung und dem Clair-obscur, in dem die Gestalt Saturns ungleich kraftvoller und energischer aufgefasst ist. Ein durchgehender Schwung durchzieht den Körper, der den Bewegungsablauf vollkommen einheitlich erscheinen lässt. In der Zeichnung ist der Körper in die Länge gezogen, und der Fluss wird durch die separate Behandlung der einzelnen Gliedmaßen unterbrochen, die nicht harmonisch ineinander übergehen. Dies ist etwa an dem abrupten Übergang vom Gesäß in den Rücken zu sehen. Im Holzschnitt richtet sich Saturn energisch auf, wohingegen er in Pordenones Blatt zurücksackt. An allen Stellen ist im Clair-obscur die Artikulation des Körpers überzeugender. Die Muskulatur ist differenziert, und selbst schwierig darzustellende Partien wie das Schulterblatt sind meisterhaft verkürzt. Bei Pordenone bekommt die Muskulatur durch den Umriss eine eher wellenartige Bewegung, wobei der rechte Arm schlauchartig anmutet. Wie bereits W. H. Trotter bemerkt hat, sind die modellierenden Linien der dunkelsten Tonplatte, die wie mit dem Pinsel aufgetragen erscheinen, nicht auf Pordenones Zeichnung zu finden. Ebenso fehlen die akzentuierenden Linien der schwarzen Strichplatte, die im Clairobscur die Gestalt plastisch hervortreten lassen und sie wirkungsvoller vom Grund absetzen als auf der Zeichnung. Vergleichbare Mittel der Modellierung finden sich dagegen bei Studien Parmigianinos aus der römischen Zeit wie etwa dem Hl. Hieronymus im Getty Museum von ca. 1526/27 (Gnann 2007, Kat. 583), der auch in der muskulösen Gestaltung dem Saturn nahekommt. In der organischen Durchbildung der Gliedmaßen stehen diesem Parmigianinos Entwürfe für die Radierungen der Beweinung Christi (Gnann 2007, Kat. 233, 234, 237 Verso) näher als die Gestalten Pordenones, der seinen Körpern fließendere, weniger detaillierte Formen gibt. Die Zuschreibung des Clair-obscurs an Niccolò lässt sich ebenso wenig aufrechterhalten. Er steht dem Traum Jakobs, der Auferstehung Christi oder dem Diogenes (Albertina, Inv. DG2002/269 und Inv. DG2002/289) ungleich näher als den gesicherten Blättern Niccolòs. Beim Saturn variieren die Kurven der dunkelsten Tonplatte wie beim Diogenes, um die Position der Gliedmaßen zu klären. Die Schraffuren stoßen an den Stellen auf die Lichthöhungen, an denen die Muskeln am stärksten hervortreten sollen. Durch dieses spontane Aufeinandertreffen von Farbe und Licht erhält die Bewegung ihre kraftvolle Wirkung, und durch den Einsatz breiterer Farbzonen in den Partien, die weiter zurückspringen sollen, wird die räumliche Lage der Gliedmaßen höchst effizient geklärt. In Niccolòs Blättern, wie dem Tod des Ajax (Albertina, Inv. DG2002/342), umgibt dagegen ein dünner schwarzer Umriss gleichmäßig die Figuren, und die Farben überlagern sich wie wässrige Lavierungen, ohne den Formen Substanz geben zu können. Die Bewegungen sind weniger artikuliert und ihre Körper lösen sich bereits in der Partie des verschatteten Mittelgrundes auf. Der Saturn weist dagegen auf die Dynamik des Diogenes voraus und sollte wieder an Ugo da Carpi zurückgegeben werden, wofür sich K. Oberhuber (1963), L. Servolini (1977), der Autor (2002) sowie M. Mussini (2003) ausgesprochen haben. Die Tatsache, dass sich auf der Rückseite eines Exemplars des Saturn im British Museum der Abdruck einer Tonplatte von Niccolò Vicentinos Madonna mit Kind und Heiligen (Albertina, Inv. DG2002/432) befindet, beweist nicht, dass er der Formschneider des Blattes war. Niccolò könnte es in seiner Werkstatt gedruckt haben oder mag in den Besitz der Tonplatte gekommen sein. Später erwarb die Druckstöcke Andrea Andreani, der am rechten unteren Rand sein Monogramm, das Datum 1604 sowie den Publikationsort einfügte und das Blatt neu herausgab. Diesen zweiten Zustand dokumentieren unter Anderem mehrere Exemplare aus der Albertina (Inv. DG930, Inv. DG2002/504, Inv. DG2013/12). Durch die Abnutzung der Platten ist die Figurenzeichnung unsauberer, was der Darstellung einen expressiveren Ausdruck verleiht. Durch die Verwendung eines einzigen Farbtons in verschiedenen Abstufungen lässt Andreani zudem die skulpturalen Qualitäten der Figuren besonders hervortreten. Da beim Druck für die dunkelste Tonplatte ein schwarzgrauer Ton gewählt wurde, der sich kaum von dem Schwarz der Strichplatte unterscheidet, gehen die Feinheiten der Modellierung verloren, die der Meister im ersten Zustand durch die nur akzenthaft eingesetzte Strichplatte erzielt hat. So wird etwa in Andreanis Fassung der Eindruck der spontanen Drehbewegung des Kopfes abgeschwächt, da das Gesicht Saturns gänzlich von einem Schatten bedeckt ist. Der zweite Zustand unterscheidet sich zudem von dem ersten dadurch, dass Andreani die dunkle Konturierung an der Aufhängung und an dem Quergestänge der Waage entfernt hat, wodurch diese in reinem Weiß erscheint und sich wirkungsvoller vom Hintergrund abhebt.

Literatur: Zanetti 1837, S. 12, Nr. 11; Seibt 1891, S. 50; Kristeller 1912, S. 49; Hind 1930, S. 18, Pl. VII; Tietze-Conrat 1939; Wien 1963, Nr. 89; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 95; Trotter 1974, S. 36, 195ff.; Servolini 1977, Kat. 34, Tav. XLV; Karpinski 1983, S. 201; London 1983, P 35 (Text v. D. Landau; Giuseppe Niccolò Vicentino); Gnann 2002, S. 290ff.; Mussini 2003, S. 22; Matile 2003, Kat. 69 (Giuseppe Niccolò Vicentino); Gnann 2007, S. 185f., Abb. 76; München und Frankfurt 2007–2008, Kat. 50; Carpi 2009, Nr. 39 (Text v. M. Rossi; Niccolò Vicentino zugeschrieben); Paris, Rouen und Ajaccio 2011–2012, Kat. 27 (Text v. D. Vandecasteele)

 

 

Catalogue raisonné
  • Bartsch XII.125.27
  • Bibliography
  • vgl. Achim Gnann, AK, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, S.128-131
  • Provenance
  • Ursel
  • Albertina

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/137392/saturnImage Request
    Last edited19.01.2015

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