Pietro Aretino und die Sirene (mit Text)
Francesco Marcolini
um 1540-1550
Der Clair-obscur-Holzschnitt erschien als Titelblatt zu den 1537 bei Francesco Marcolini in Venedig publizierten Stanze in lode di Madonna Angela Sirena des berühmten italienischen Schriftstellers und Dichters Pietro Aretino (1492–1556). Die Darstellung illustrierte außerdem das hier besprochene Flugblatt mit drei Sonetten, von denen zwei »Il BEVAZZANO AL ARETINO« (Agostino Beazzano, ein dem Freundeskreis Pietro Bembos angehörender Dichter und Humanist) und eines »M. PIETRO ARETINO ALLA SIRENA« betitelt sind. Abzüge des Holzschnitts im spätesten Druckzustand wurden schließlich von Francesco Marcolini in den 1552 erschienen Publikationen I Mondi del Doni und I Marmi von Antonio Francesco Doni verwendet. In den Stanze in lode di Madonna Angela Sirena bringt Aretino in huldigenden Versen seine Liebe zur schönen Gattin des Antonio Serena, Angela Tornimbena, zum Ausdruck. Die in den Lüften schwebende, von einem Sternenkranz umgebene Sirene spielt natürlich auf den Namen der stürmisch Verehrten an, Angela Serena, die Aretinos Liebe nicht erwiderte. Die Darstellung auf dem Holzschnitt kommt zwei Versen in den Stanze besonders nahe, in denen sich Aretino als toskanischer Hirte beschreibt, der auf einem Baumstamm sitzt, den Blick zum Himmel gerichtet hat und die dort erscheinende schöne Sirene besingt: »Il toscano Pastor, che il vero tène / sculto nel fronte, sopra un tronco assiso / gli occhi al ciel volti a la sua Dea il pensiero […].« F. Mauroner, K. Oberhuber (Wien 1966) und D. Rosand und M. Muraro (Washington, Dallas und Detroit 1976–1977) halten es für wahrscheinlich, dass der Clair-obscur von dem aus Forlì gebürtigen Verleger Francesco Marcolini stammt, der selbst ein hervorragender Holzschneider und Kupferstecher war. Die sorgfältige Ausführung in feinen, zart geschwungenen Strichen, die in gleichen Abständen nebeneinandergesetzt sind, ist charakteristisch für die Illustrationen in den Buchdrucken Marcolinis. Dieser war von 1530 bis 1559 in Venedig als zentrale Figur im Buchdruck und Verlagswesen tätig (Procaccioli, Temeroli, Tesei 2009). Er arbeitete nach Tizians Zeichnungen, wie das Porträt des Aretino für die Ausgabe von dessen Briefen von 1538, aber auch nach Erfindungen von Giuseppe Porta, genannt Salviati. Ferner erhielt er vom venezianischen Senat ein Patent für eine Methode des Notendrucks und für eine besonders schöne Letterntype (Wien 1966, S. 113). A. Bartsch gab an, dass einer älteren Tradition zufolge die Erfindung der Darstellung entweder Parmigianino oder Tizian zugeschrieben wurde. Parmigianinos Urheberschaft hat man in der Literatur aber nicht ernsthaft in Erwägung gezogen, und in der Tat gibt es keine vergleichbaren Entwürfe von der Hand dieses Künstlers. Die beiden Tietzes haben hingegen auf die Nähe des Pilgers in Tizians Gemälde des hl. Johannes des Almosengebers in S. Giovanni Elemosinario in Venedig (Wethey 1969– 1975, Bd. 1, 1969, Fig. 166) zur Gestalt Aretinos in dem Holzschnitt hingewiesen. Dessen Profil und Pose erscheinen zudem ähnlich in dem Satyr in Tizians Jupiter und Antiope im Louvre (Wethey 1969– 1975, Bd. 3, 1975, Fig. 74–76). Es ist somit von einer Zeichnung Tizians als Vorlage auszugehen, die laut D. Rosand und M. Muraro (Washington, Dallas und Detroit 1976–1977) womöglich aber nur flüchtig angelegt und anschließend vom Formschneider genauer durchgeführt wurde. P. Dreyer (Berlin 1971) hat vier verschiedene Zustände des Clair-obscurs aufgelistet. Demzufolge fehlt in den frühesten Abzügen noch der Kratzer, der im zweiten Zustand (Albertina, Inv. DG2002/542) im Meer rechts neben dem Schiff erscheint. Den dritten Zustand überliefert der hier besprochene Druck auf dem Flugblatt mit den drei Sonetten, bei dem die Modellierung am Rücken und am Oberschenkel Aretinos reduziert wurde. Im vierten Zustand (Albertina, Inv. DG2002/543) wurden Abzüge von der Schwarzplatte allein in Publikationen Marcolinis wie I Mondi del Doni verwendet. In diesen spätesten Abzügen ist die schwarze Wolkenlinie über Aretinos Profil getilgt.
Literatur: Tietze und Tietze-Conrat 1938, S. 467f.; Tietze und Tietze-Conrat 1938a, S. 62; Mauroner 1941, Nr. 12; Wien 1966, Nr. 171; Berlin 1971, Kat. 13; Trotter 1974, S. 36, 203f.; Washington, Dallas und Detroit 1976–1977, Nr. 42; Karpinski 1983, S. 240
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/137559/pietro-aretino-und-die-sirene-mit-textImage Request