Hl. Katharina von Alexandrien
Alessandro Gandini
um 1540-1550
Über die Lebensumstände des Formschneiders Alessandro Gandini war bislang wenig bekannt, doch hat J. Johnson (2013) vor kurzem wichtige neue Hinweise über dessen Tätigkeit zu liefern vermocht. Einem Dokument von 1555 zufolge lebte Gandini in der Via San Mamolo in Bologna in der Nähe der Kirche der Florentiner Bruderschaft und war dort laut J. Johnson bereits vor 1546 ansässig, als die Kirche noch Santa Maria Rotonda hieß. Neben den für Parmigianino tätigen Meistern Antonio da Trento und Niccolò Vicentino sowie dem Monogrammisten NDB gehört Alessandro Gandini somit zu dem Kreis der Formschneider, die sich in Bologna als erste mit der Technik des Clair-obscur-Holzschnitts befasst haben. In einem anderen Dokument von 1564 wird er als Mathematiker bezeichnet (Johnson 2013, S. 4), ohne dass er in der Ausübung dieses Berufs in anderen Quellen nachgewiesen werden könnte. Von den drei bisher bekannten Clairobscur- Holzschnitten hat J. Johnson das OEuvre Alessandros durch neue Zuschreibungen auf sechs erhöht.
In dem exquisiten kleinen Blatt mit der Darstellung der hl. Katharina von Alexandrien sind am rechten unteren Rand die Buchstaben »A G« geschnitten, die laut A. Bartsch die Initialen von Alessandro Gandini sein könnten. Nachfolgende Autoren wie P. Kristeller oder W. H. Trotter wiesen jedoch darauf hin, dass diese Zuschreibung unsicher sei. Die Linienführung der schwarzen Strichplatte ist höchst differenziert, sie wechselt zwischen schräg aneinanderstoßenden kurzen Schraffuren, die das Volumen des Körpers anschaulich machen, und längeren geschwungenen Lagen bei der Charakterisierung des Gesteins. Die sich auf zwei Platten beschränkende Technik sowie der Stil der Ausführung schließen an die frühen Clair-obscur-Holzschnitte von Ugo da Carpi wie den Hl. Hieronymus nach Tizian oder die beiden Herkules-Szenen nach Raphael an (Albertina Inv. DG2002/324, Inv. DG2002/312; Wien 2013, Sammlung Baselitz, Kat. 32). K. Karpinski (1976, S. 24) sieht zu Recht auch Bezüge zu den Clair-obscurs von Antonio da Trento. Ein Vergleich mit Alessandros Gastmahl im Hause Simons des Pharisäers (Wien 2013, Sammlung Baselitz, Kat. 132; Albertina Inv. DG2002/285) ist nur bedingt möglich, doch scheinen die nadelartig feinen und sich überkreuzenden Lichthöhungen durchaus ähnlich zu sein, worauf bereits J. Johnson hingewiesen hat. Die dünnen und sehr dicht aneinandergesetzten Schraffuren kehren sodann auf dem von Alessandro signierten Blatt David enthauptet Goliath wieder (Albertina, Inv. DG2002/681), wenngleich dieses freier und weniger detailliert geschnitten ist. Demnach scheint die Hl. Katharina tatsächlich ein Werk Alessandros zu sein. A. Bartsch zufolge entstand der Holzschnitt nach dem Entwurf eines Meisters im Umkreis von Parmigianino. Auch die nachfolgende Forschung brachte den Entwurf immer wieder mit Parmigianino in Zusammenhang und verwies unter anderem auf die verwandten Posen der Verkündigungsmaria in dessen Radierung (B. XVI, S. 6f., Nr. 2) sowie der Sibylle im Vordergrund der Vermählung Mariens, die Gian Giacomo Caraglio nach dessen Zeichnung in Chatsworth gestochen hat (Gnann 2007, Kat. 401 und Abb. 31). Die raffinierte Kontraposthaltung und die gelängten Proportionen der Figur offenbaren tatsächlich einen Einfluss Parmigianinos, doch vermisst man die schwungvolle Leichtigkeit und Grazie, die seinen Geschöpfen eigen ist. Auch die Gestaltung des Gewandes sowie der Ausblick auf eine weite Landschaft mit Bergen und Gewässern mit Schiffen lassen keine direkten Bezüge zu den Werken des Künstlers erkennen. Angesichts der derart detaillierten Durchgestaltung der gesamten Komposition ist es kaum denkbar, dass der Formschneider den Hintergrund selbst hinzugefügt hat. Der Entwurf stammt wohl von einem durch Parmigianino inspirierten Künstler, dessen Name noch herausgefunden werden müsste.
AK: Achim Gnann, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, Abb. 131, S. 266-268.
Literatur: Nagler 1835–1852, Bd. 5, 1837, S. 126; Nagler 1858–1879, Bd. 1, 1858, Nr. 614; Kristeller 1920, S. 148 (Alessandro Gandini?); Reichel 1926, S. 34, Taf. 40 oben; Servolini 1932, S. 97; Trotter 1974, S. 207f. (Alessandro Gandini?); Karpinski 1983, S. 128; Johnson 2013, S. 12f.
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