Giovanni Gallo, Die Heilige Familie mit dem Johannesknaben und eine Heilige, Inv. Nr.: DG2002/5…
Die Heilige Familie mit dem Johannesknaben und eine Heilige
Giovanni Gallo, Die Heilige Familie mit dem Johannesknaben und eine Heilige, Inv. Nr.: DG2002/563
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Die Heilige Familie mit dem Johannesknaben und eine Heilige

Giovanni Gallo

letztes Drittel des 16. Jahrhunderts




Künstler:in (Italien, 1525 - 1589)
Nach (Siena, um 1525 - 1587/88 Neapel)
Dateletztes Drittel des 16. Jahrhunderts
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesClair-obscur-Holzschnitt von drei Platten
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG2002/563
Edition2. Zustand (Bartsch)
Signedl.u. "Antonio da Correggio"
Im Kontext der Sammlung
Die historischen Klebebände der Albertina konnten in einem umfassenden Forschungs- und Digitalisierungsprojekt erschlossen und digital zugänglich gemacht werden. Insgesamt umfasst die Sammlung der Albertina 1436 historische Folianten, davon beinhalten 749 die Druckgrafiken des herzoglichen Sammlerpaares. Mehr zum Projekt
Dieses Blatt befindet sich auf Seite It/I/2/71 des Klebebandes Italien nach Sektionen I/2. Der Band ist Teil der historischen Druckgrafiksammlung Herzog Alberts von Sachsen-Teschen und seiner Gemahlin Marie Christine. Die Druckgrafiken dieser Sammlung werden in ledergebundenen Folianten verwahrt, die traditionell als „Klebebände“ bezeichnet werden. Die Sammlung als solche ist nach europäischen Kunstlandschaften gegliedert und umfasst die Bereiche Deutsch, Frankreich, Holland und die Niederlande, Italien sowie England. Der Klebeband, in welchem sich die vorliegende Seite befindet, umfasst Arbeiten aus dem Raum Italien. Er gehört in der Sammlungsstruktur zur Sektion 1, welche vornehmlich Grafiken beinhaltet, bei welchen Erfindung und druckgrafische Ausführung meist in der Hand derselben Künstlerin bzw. desselben Künstlers liegt. Es ist der 2. Klebeband dieser Sektion. Über den Bereich „Verbundene Objekte“ können Sie den gesamten Klebeband einsehen.
Text

Die genauen Lebensumstände des Formschneiders Giovanni Gallo sind bislang weitestgehend unbekannt. In der früheren Literatur wurde er aufgrund seines Namens als Franzose angesehen, der aber immer in Italien gelebt habe, wohingegen andere Autoren eine Herkunft aus der Lombardei annahmen (vgl. Pittaluga 1930, S. 329,Anm. 42; Servolini 1932, S. 92). Gut möglich ist die von A. Zezza (2003, S. 255, Anm. 48) kürzlich geäußerte Ansicht, Gallo sei mit einem gewissen »Joannes Gallo pittore da Anversa« identisch, der 1595 in einem Dokument als Zeuge bei einer Hochzeit in Neapel dokumentiert ist. Von Gallo ist eine Anzahl von Clair-obscur-Holzschnitten nach Erfindungen von Marco Pino bekannt. Marco ist einer der herausragenden Künstler der jüngeren Generation der Manieristen, der mit den bedeutendsten in Siena, Rom und Neapel tätigen Malern in Kontakt getreten ist. 1521 in Siena geboren, war er seit 1536 in der Werkstatt von Beccafumi tätig, dessen Einfluss Zeit seines Lebens wirksam blieb. Bei seinem Aufenthalt in Rom von 1544 bis 1552 arbeitete er mit Perino del Vaga und später mit Daniele da Volterra zusammen und lernte wahrscheinlich auch Michelangelo persönlich kennen (Zezza 2003, S. 76ff.). Ab 1552 entfaltete er eine rege Tätigkeit in Neapel, wo ihn unter anderen die Werke von Polidoro da Caravaggio beeinflussten. Nach einem erneuten Aufenthalt in Rom (1568–1570) kehrte Marco nach Neapel zurück, wo er 1583 starb. Er nimmt in seinen Gemälden die vielfältigen Einflüsse der Künstlerkollegen auf, entwickelt diese aber weiter, transformiert sie in einen individuellen Stil, den ein Reichtum heller, brillanter Farben, ein lebendiges Helldunkel und ein Hang zu narrativer Vielfalt kennzeichnet, die seine Sieneser Herkunft verraten. Der heutigen Ansicht zufolge sind Gallos Clair-obscurs zu der Zeit von Marcos später Schaffensphase in Neapel entstanden (Zezza 2003, S. 255, Anm. 48). In dieser Zeit scheint sich Marco mit der Wiedergabe seiner Erfindungen in Farbholzschnitten befasst zu haben. So war Mitte der 1570er Jahre der Kalabreser Maler und Druckgraphiker Antonio Spano in seiner Werkstatt tätig, der in einem Dokument angibt, auf eine neuartige, gewinnbringende Drucktechnik gestoßen zu sein und ein Blatt nach einer Zeichnung des Perseus von Marco angefertigt zu haben. A. Zezza (2003, Kat. D.1) zufolge handelt es sich möglicherweise um einen Clair-osbcur-Holzschnitt (Albertina Inv. DG2002/589), der bislang als Kopie nach Gallos Perseus mit dem Haupt der Medusa angesehen wurde, was m. E. aus weiter unten darzulegenden Gründen unwahrscheinlich ist. Zwischen dem Kalabresen und Marco kam es allerdings zu Unstimmigkeiten über die Höhe des Anteils, der Ersterem für die Drucke zukommen sollte (Zezza 2003, S. 196ff.). Eine Entstehung der Holzschnitte Gallos in Neapel in den 1570er Jahren ist auch deswegen wahrscheinlich, weil sie nahezu alle Erfindungen Marcos aus dieser Zeit wiedergeben. In diesen Jahren hat der Maler nur noch wenige Fresken und vor allem großformatige Tafelbilder geschaffen. Ferner existiert im British Museum (Inv. 1870,1008.1984) ein reiner Linienholzschnitt mit der Darstellung der mystischen Vermählung der hl. Katharina von Alexandrien, die von Gallo signiert und 1578 datiert ist. Es ist das einzige mit einem Datum versehene Blatt, das einen wichtigen Anhaltspunkt für die Entstehungszeit seiner Drucke liefert.

Die für A. Bartsch als das Werk eines anonymen Formschneiders geltende Heilige Familie mit dem Johannesknaben und einer Heiligen hat K. Oberhuber (Wien 1966) zutreffend als ein Clair-obscur Gallos nach einer Zeichnung von Marco Pino erkannt. Ganz dem Stil Gallos entsprechen die malerische Ausführung, der flächige, wie eine Pinsellavierung anmutende Verlauf der Farben sowie die Gestaltung der Weißhöhung, die in dicken, schlierenartig verlaufenden Flecken bzw. in feinen Kreuzschraffuren aufgesetzt sind. Der Formschneider hat sich hierin unverkennbar an den Chiaroscuroschnitten von Beccafumi orientiert. Der hier besprochene Clair-obscur ist allerdings ein späterer, wohl nicht mehr zu Lebzeiten Gallos entstandener Zustand, in dem eine andere helle Tonplatte verwendet wurde. Die Lichthöhungen sind auf diesem gänzlich abweichend gestaltet, am Himmel erscheinen Wolken, und das Haupt Mariens umgibt ein Nimbus. Das Blatt trägt am linken unteren Rand fälschlich die Aufschrift »Antonio / da Corregio.«. Offensichtlich war der Name des Schöpfers in Vergessenheit geraten, und man war der Ansicht, der Maler Correggio habe die Komposition erfunden.

Die Komposition entspricht gleichseitig einem Gemälde Marcos (Wien 2013, Abb. 95), das sich früher in der Sammlung Sangiorgi in Neapel befand und heute verschollen ist. In einem Auktionskatalog aus dem Jahre 1895 ist es als ein Werk von Marco Pino aufgeführt (Zezza 2003, Kat. A. 102). Während auf der linken Seite des Bildes aber die hl. Katharina von Siena erscheint, ist auf dem Clair-obscur eine sich auf einen Stab stützende alte Frau wiedergegeben, vermutlich die hl. Elisabeth. Ferner sind als Hintergrund eine Säule auf hohem Postament und ein Baum eingefügt, worin die Darstellung der bereits erwähnten Zeichnung mit der Heiligen Familie und der hl. Katharina im Louvre nahekommt (Zezza 2003, Kat. C. 30). Kompositionelle Bezüge bestehen ferner zu dem erwähnten 1578 datierten Holzschnitt mit der mystischen Vermählung der hl. Katharina von Alexandrien im British Museum (Inv. 1870, 1008.1984), in dem die Figuren ähnlich bildebenenparallel vor einem massigen Sockel mit Säulen angeordnet sind.

Literatur: Nagler 1835–1852, Bd. 5, 1837, S. 3; Servolini 1932, S. 92; F. Bellini, in: Siena 1980, S. 222; Karpinski 1983, S. 76; Zezza 2003, V. 38, Kat. D.11

Catalogue raisonné
  • Bartsch XII.60.18 (dort: anonym nach Correggio)
  • zur Zuschreibung s. AK Albertina 1966, p. 137 (Giovanni Gallo nach Marco dal Pino)
  • Bibliography
  • vgl. Achim Gnann, AK, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, S. 376-3385
  • Provenance
  • Mariette
  • Albertina

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    Last edited12.01.2016