Andrea Andreani, Der Raub einer Sabinerin, Inv. Nr.: DG2002/570
Der Raub einer Sabinerin
Andrea Andreani, Der Raub einer Sabinerin, Inv. Nr.: DG2002/570
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Der Raub einer Sabinerin

Andrea Andreani

1584




Künstler:in (Mantua (zwischen 1541-1559) - (zwischen 1623-1629) Mantua)
Nach (Douai 1524 /1529 - 1608 Florenz)
Date1584
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesClair-obscur-Holzschnitt in vier Platten (ocker und braun)
DimensionsBlatt: 44,1 x 20,4 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG2002/570
Inscribedr.u. "P.mariette 1652" (in Feder); r.u. "P.mariette 1675" (in Feder)
Signedr.u. "Rapta Sabinam a / Io: Bolog.marm:excul. / AndreasAndrean Mat / incisit,atq. Bernardum / Vechiettum dicauit ano / M.D.LXXXIIII"
Text

Der in Mantua 1558/59 geborene und am 15. Februar 1629 ebendort gestorbene Holzschneider und Verleger Andrea Andreani war der bedeutendste und produktivste italienische Formschneider von Clairobscurs in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Seine Tätigkeit ist zwischen 1584 und 1610 nachweisbar. Ab 1584 hält er sich in Florenz auf, wo er Holzschnitte nach Giambologna, Jacopo Ligozzi und Raffaellino da Reggio ausführt. Eine Kopie nach Tizians Triumph des Glaubens ist anscheinend in Rom entstanden. Ab 1586 ist er in Siena und arbeitet dort nach Erfindungen von Domenico Beccafumi, Francesco Vanni und Andrea Casolani. 1593 richtet er in seiner Heimatstadt Mantua eine Werkstatt ein (Boscarelli 1984, S. 187). Dort erteilt ihm Herzog Vincenzo IV. Gonzaga von Mantua den Auftrag, Mantegnas Triumphzug Cäsars in Clair-obscur-Holzschnitten zu verewigen, was ihn bis 1599 in Anspruch nimmt. Zwischen 1602 und 1610 befasst er sich fast ausschließlich mit der Neuauflage älterer Clairobscur-Holzschnitte. Er arbeitet die erworbenen, teilweise abgenutzten Platten um und fügt bisweilen neue hinzu. Dabei setzt er häufig sein Zeichen, bestehend aus zwei A, auf die Platte und entfernt rücksichtslos die Namen der früheren Formschneider. Das Monogramm bezeichnet Andreani damit als Eigentümer und Verleger dieser Holzschnitte. Sein OEuvre umfasst 38 selbst geschnittene und 29 in seinem Verlag erschienene Blätter, die meisten davon sind Clair-obscurs.
Seine Schnittmanier ist sorgfältig, gleichmäßig und geschickt und vermag die Vorlagen getreu wiederzugeben. Bei seiner komplexen Technik, bei der mehrere Tonplatten sorgfältig aufeinander abgestimmt werden, ist das Liniengefüge der Strichplatte häufig Träger der wesentlichen Elemente der Darstellung. Einige seiner Werke erreichen riesenhafte Maße und sollen offenbar Ölgemälde ersetzen. Mit derartigen monumentalen Formaten lotet Andreani die Möglichkeiten der Technik bis zum Extrempunkt aus und stößt an eine Grenze, die in späterer Zeit nicht mehr überschritten werden sollte. Der hier besprochene Clair-osbcur-Holzschnitt gehört zu einer Gruppe von drei Blättern, welche die berühmte über vier Meter hohe Marmorgruppe Giambolognas in der Loggia dei Lanzi in Florenz im Gegensinn wiedergeben. Nach ihrer feierlichen Enthüllung am 14. Januar 1583 hatte der Raub der Sabinerinnen sogleich höchstes Lob und enthusiastische Kommentare hervorgerufen. Die Skulpturengruppe hat keine Hauptansicht, sondern fordert durch die raffinierte, die Figuren durchziehende spiralige Drehbewegung zum Umschreiten auf. Dementsprechend hat sie Andreani in verschiedenen Ansichten festgehalten. In dem Giovanni de’ Medici gewidmeten Blatt (Albertina, Inv. DG2002/572) verwendet er lediglich zwei Platten, wobei der Strichplatte wesentlich größere Bedeutung zukommt als bei den beiden anderen Drucken. Das Liniengefüge ist sehr variiert, es wechseln kürzere und längere Striche, die aneinanderstoßen oder sich zu Kreuzlagen verflechten und in erster Linie die Plastizität und skulpturale Wirkung der Figuren unterstreichen. Das Liniengebilde erinnert in manchen Aspekten an die Clair-obscurs von Giovanni Boldrini und ahmt den Duktus einer mit Weiß gehöhten Federzeichnung nach, wie bereits E. Kolloff gut gesehen hat. Die Ansicht der Gruppe entspricht nahezu derjenigen auf dem hier besprochenen Blatt, in dem die emporschraubende Drehbewegung jedoch fließender und geschlossener und der dynamische Vertikalzug überzeugender gestaltet sind. Andreani bewirkt dies durch die Reduzierung des Liniengefüges und die vereinheitlichende Modellierung durch die Tonplatten. In dem in zwei Platten gedruckten Exemplar (Albertina, Inv. DG2002/572) sind die Einzelfiguren stärker individualisiert und mehr additiv aneinandergefügt, was den durchgehenden Bewegungsfluss hemmt. Auch der rechte Arm der Sabinerin bildet nicht den von Giambologna intendierten Ausklang an der Spitze der Gruppe, sondern ist extrem verkürzt. Wie auch E. Hinterding (Tokio 2005) annimmt, ist das Blatt wohl das früheste aus dieser Reihe, wenngleich es nur unwesentlich zuvor, um 1583/84, entstanden sein dürfte. In den beiden anderen, in vier Platten gedruckten Clair-obscurs (Albertina, Inv. DG/571 und Inv. DG2002/568) entsteht eine größere Distanz zwischen dem Betrachter und der Darstellung, zumal die Marmorgruppe einheitlicher und geschlossener aufgefasst ist. Die Umrisslinien sind dünner und zarter, nun kommt der Farbe die Funktion der plastischen Modellierung der Körper zu. Durch die durchgehende Schattierung, die wie eine Pinsellavierung anmutet, werden die Figuren miteinander verschmolzen. Die Lichthöhungen ahmen den Glanz auf der Oberfläche des Marmors nach und akzentuieren einzelne hervortretende Partien, wodurch die Lage der Gliedmaßen zueinander geklärt wird. Der hier besprochene Druck mit der Widmungsinschrift an Bernard Vecchitti ist ein späterer Zustand. In diesem erscheint der Name >>Bernard Vechiett<<, der im ersten Zustand noch vollständig mit >>Bernardum Vechiettum<< wiedergegeben ist. Von dem Exemplar existiert auch ein Abzug, in dem sich der Hintergrund durch eine andere Farbe von der Skulpturengruppe absetzt. Andreani hat diese Änderungen vorgenommen, damit sich die Skulpturengruppe stärker von der Umgebung abhebt, ihre Plastizität und das räumliche Ausgreifen wirkungsvoller zum Ausdruck kommen. Es scheint, als habe Andreani eine neue Tonplatte für den Hintergrund geschnitten (frdl. Hinw. N. Takahatake) und dabei die Figurengruppe ausgespart. Diese druckte er zuerst und anschließend die ursprünglich hellste Tonplatte, die er allerdings nur für die Figuren verwendete und den Hintergrund wegschnitt. Durch die zusätzliche Hintergrundplatte ergeben sich dadurch Drucke in fünf – anstelle von vier – Tonplatten. Denkbar wäre auch die Verwendung von Schablonen, mit denen Andreani beim ersten Druckvorgang zunächst die Skulpturengruppe, beim zweiten dann den Hintergrund abgedeckt hätte, was aber weniger wahrscheinlich ist. Das Exemplar mit andersfarbigem Fond ist jedenfalls ein späterer Zustand, da in ihm die schwarzen Konturlinien an den Körpern teilweise bereits unterbrochen sind.
Die drei Blätter sind die frühesten dokumentierten Clair-obscurs, deren souveräne Ausführung Anlass zur Vermutung gibt, dass sich Andreani bereits zuvor in dieser Technik geübt hat. Giovanni Medici, Niccolò Gaddi und Bernardo Vecchietti, denen die Holzschnitte gewidmet sind, mögen das Vorhaben Andreanis gefördert haben, die Skulpturengruppe in Chiaroscuroschnitten zu verewigen. Niccolò Gaddi (1537–1591) und Bernardo Vecchietti (1514–1590) spielten eine wichtige Rolle im Kunstleben von Florenz, waren Sammler und Förderer von Künstlern (vgl. Acidini Luchinat 1980; Bury 1985). Gaddi war 1569 Botschafter in Mantua und nahm 1584 an der feierlichen Begleitung von Eleonora de’ Medici in dieser Stadt teil. Vielleicht hatte sich anlässlich dieser Besuche ein Kontakt mit Andreani angebahnt. 1589 leitete Gaddi die Errichtung der ephemeren Apparate für die Heirat von Ferdinand I. mit Christine von Lothringen. Sein Mäzenatentum manifestiert sich in den künstlerischen Eingriffen in Florentiner Kirchen sowie in Häusern und Palästen aus dem Besitz der Gaddi- Familie. Mit großer Leidenschaft trug er eine Sammlung von Antiken, Büchern, Skulpturen, Gemälden und Zeichnungen zusammen. Er war wie Bernardo Vecchietti künstlerischer Sachverständiger, Ratgeber und Vertrauensmann Francesco de’ Medicis (ab 1574 Großherzog der Toskana), der beide 1578 zu Senatoren ernannte. Vecchiettis prachtvolle Villa im Südosten von Florenz, genannt Il Riposo, hat Raffaello Borghini 1584 beschrieben. Vecchietti war ein bedeutender Auftraggeber sowie Sammler von Gemälden und Zeichnungen und pflegte engen Kontakt mit Künstlern wie Benvenuto Cellini und Giambologna. Letzteren lud er ein, sich in Florenz niederzulassen und gewährte ihm jahrelang Kost und Logis in seinem Haus. Vecchietti beauftragte Giambologna mit der Ausführung verschiedener Werke für seine Villa und den Stadtpalast und soll von dem Künstler verschiedene Figuren in Wachs, Ton und Bronze besessen haben. 1583 hatte Michelangelo Semartelli eine Sammlung mit Briefen bedeutender Florentiner Literaten zum Ruhme von Giambolognas Raub der Sabinerinnen herausgegeben und das Buch Bernardo Vecchietti gewidmet, der hierfür selbst fünf Gedichte beigetragen hatte. In dem Band erscheinen drei Holzschnitte mit verschiedenen gleichseitigen Ansichten der Marmorgruppe (Goldfarb 1981, Fig. 20– 21), die Andreanis Clair-obscur sehr nahekommen. Es ergeben sich jedoch kleinere Abweichungen in der Haltung und den Verkürzungen der Köper sowie in den Überschneidungen der Gliedmaßen, weswegen diese Holzschnitte keine Vorlagen für Andreanis detaillierter ausgeführte Blätter gewesen sind. Man hat somit von der Existenz von Vorzeichnungen für die Clair-obscurs auszugehen, die aber nicht mehr erhalten sind.

 

Literatur: Baglione 1649, S. 395; Kolloff 1872, S. 722, Nr. 29; Seibt 1891, S. 56; Reichel 1926, S. 35; Pittaluga 1930, S. 253; Servolini 1932, S. 104; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 54; Wien 1966, Nr. 220; Edinburgh, London und Wien 1978– 1979, Nr. 209b (Text v. M. Leithe-Jasper); Goldfarb 1981, S. 319; Karpinski 1983, S. 147 rechts; Rom, Weimar und München 2001–2003, Kat. 34; Van Gastel 2007, Abb. 1; Boorsch 2008–2009, S. 48

Catalogue raisonné
  • Bartsch XII.93.2
  • AK Albertina 1966, Nr. 220
  • Bibliography
  • vgl. Achim Gnann, AK, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, S. 388-395
  • Provenance
  • Mariette
  • Albertina

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/137703/der-raub-einer-sabinerinImage Request
    Last edited15.01.2015