Andrea Andreani, Der Raub der Sabinerinnen (mittlerer Teil), Inv. Nr.: DG2002/576
Der Raub der Sabinerinnen (mittlerer Teil)
Andrea Andreani, Der Raub der Sabinerinnen (mittlerer Teil), Inv. Nr.: DG2002/576
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Der Raub der Sabinerinnen (mittlerer Teil)

Andrea Andreani

1587




Künstler:in (Mantua (zwischen 1541-1559) - (zwischen 1623-1629) Mantua)
Nach (Douai 1524 /1529 - 1608 Florenz)
Date1587
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesClair-obscur-Holzschnitt von vier Platten
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG2002/576
Edition2. Zustand (Bartsch)
Text

Giambologna hat für die Stirnseite des Sockels seiner Skulpturengruppe Der Raub der Sabinerinnen in der Loggia die Lanzi in Florenz 1582 bis 1584 ein Bronzerelief angefertigt (Wien 2013, Abb. 99). Andreani hat das Relief 1585 in seinem aus drei Holzstöcken mit je vier Platten gedruckten Clair-obscur gleichseitig wiedergegeben. In seinem riesenhaften Format, das in den Maßen nahezu mit dem Relief übereinstimmt, ist es der bis dahin größte Holzschnitt Andreanis. Das vorliegende Blatt ist der Mittelteil dieser Komposition; neben einem gemeinsamen Druck aller drei Teile (Albertina, Inv. DG2002/574) besitzt die Albertina auch einen Abzug des rechten Abschnitts (Inv. DG2002/575).

Gezeigt wird pro Abschnitt je eine Variante über das Thema des Sabinerinnenraubes vor dem Hintergrund der Gebäude der Stadt, wobei die Römer bei den beiden seitlichen Gruppen zu Pferde erscheinen. Andreani ahmt den Charakter des Materials durch die Verwendung eines Farbtons in verschiedenen Abstufungen nach, wobei er die Figuren im Vordergrund durch die kräftigen Glanzlichter und die modellierenden Akzente der dunkleren Tonplatten, die wie Pinsellavierungen anmuten, plastisch hervortreten lässt. Die dünnen, die Körper umschreibenden Konturlinien der schwarzen Strichplatte gleichen in ihrem lockeren und freien Verlauf dem Duktus von flüssigen Federstrichen. Bei dem perspektivisch verkürzten Architekturprospekt verwendet Andreani nur drei Platten und verzichtet bis auf den Bereich des Himmels auf Weißhöhungen, wodurch dieser stärker zurücktritt und sich der Wirkung des rilievo schiacciato von Giambolognas Relief annähert. Wie bereits H. Goldfarb (1981, S. 325) feststellte, lag dem Holzschnitt aber eine Zeichnung, vermutlich der Modello des Künstlers vor, was anhand der kleineren Abweichungen gegenüber dem ausgeführten Relief ersichtlich wird. Die Unterschiede betreffen etwa die Anordnung der Zuschauer auf den Balkons oder die Positionierung der mittleren Zweiergruppe, die im Holzschnitt weiter nach rechts rückt. H. Goldfarb (1981, S. 325) zufolge nahm Andreani diese Versetzung vor, um die drei Gruppen stärker voneinander zu trennen. Der Clair-obscur ließ sich dadurch in drei separate Abschnitte mit je einer Einzelgruppe teilen, die sich unabhängig voneinander verkaufen ließen (vgl. Albertina, Inv. DG2002/575). H. Goldfarb (1981, Fig. 26) hat ein Exemplar des Clair-obscurs im Cleveland Museum of Art veröffentlicht, in dem die Modellierung mit der schwarzen Linienplatte und die Gestaltung der Lichthöhungen detaillierter ist und die hintere Öffnung des linken Torbogens weiß aus der hellen Tonplatte ausgeschnitten wurde. Das Exemplar aus Cleveland überliefert H. Goldfarb zufolge den ersten Zustand, der gemeinsame Druck aller drei Abschnitte aus der Albertina (DG2002/574) ist somit der zweite. Das vorliegende Blatt zeigt die Überarbeitung des Clair-obscur durch Andreani aus dem Jahr 1587 in Siena. Er ersetzte hier auf dem Mittelblatt die frühere Inschrift durch eine Widmung an Johannes Fugger (B. XII, S. 96, Nr. 4 II) und  brachte zudem über einem Haus das Fugger’sche Wappen an. In der Aufschrift gibt Andreani an, er habe den Clair-obscur in dieser Neuauflage »maiori quam antea studio elaboratum«, also mit größerer Sorgfalt als zuvor, geschnitten. In der Tat nahm er Veränderungen bei den Architekturen vor, indem er in diesem Bereich die hellste Tonplatte durch eine neue ersetzte, die er in einem anderen Farbton druckte. In diese neue, somit fünfte Tonplatte schnitt er zusätzlich Lichthöhungen ein, um etwa dem Rundbau in der Mitte ein stärker körperhaftes Volumen zu verleihen. 

Literatur: Baglione 1649, S. 395; Kolloff 1872, S. 722, Nr. 31 I.; Reichel 1926, S. 35; Servolini 1932, S. 104; Florenz 1956, Nr. 55; Weimar 1957, Nr. 47; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 56; Wien 1966, Nr. 222; Edinburgh, London und Wien 1978– 1979, Nr. 210 (Text v. M. Leithe-Jasper); Goldfarb 1981, S. 307, 317ff.; Karpinski 1983, S. 149; Rom, Weimar und München 2001–2003, Kat. 36; Matile 2003, S. 166; Van Gastel 2007, S. 19f., Abb. 9; Boorsch 2008–2009, S. 48

Catalogue raisonné
  • Bartsch XII.94.4
  • Bibliography
  • vgl. Achim Gnann, AK, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, S. 388-395

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    Last edited21.01.2015