Giovanni Gallo, Perseus mit dem Haupt der Medusa, Inv. Nr.: DG2002/587
Perseus mit dem Haupt der Medusa
Giovanni Gallo, Perseus mit dem Haupt der Medusa, Inv. Nr.: DG2002/587
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Perseus mit dem Haupt der Medusa

Giovanni Gallo

1570er Jahre




Künstler:in (Italien, 1525 - 1589)
Nach (Siena, um 1525 - 1587/88 Neapel)
Date1570er Jahre
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesClair-obscur-Holzschnitt in vier Platten (orange, rotbraun)
DimensionsBlatt: 35,8 x 22,5 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG2002/587
InscribedVerso „Mariette 1728 / Desneux“ (in Feder)
Signedr.u. „Marcus Senensis inve / Ioanes Gallus incid.“
Im Kontext der Sammlung
Die historischen Klebebände der Albertina konnten in einem umfassenden Forschungs- und Digitalisierungsprojekt erschlossen und digital zugänglich gemacht werden. Insgesamt umfasst die Sammlung der Albertina 1436 historische Folianten, davon beinhalten 749 die Druckgrafiken des herzoglichen Sammlerpaares. Mehr zum Projekt
Dieses Blatt befindet sich auf Seite It/I/3/9 des Klebebandes Italien nach Sektionen I/3. Der Band ist Teil der historischen Druckgrafiksammlung Herzog Alberts von Sachsen-Teschen und seiner Gemahlin Marie Christine. Die Druckgrafiken dieser Sammlung werden in ledergebundenen Folianten verwahrt, die traditionell als „Klebebände“ bezeichnet werden. Die Sammlung als solche ist nach europäischen Kunstlandschaften gegliedert und umfasst die Bereiche Deutsch, Frankreich, Holland und die Niederlande, Italien sowie England. Der Klebeband, in welchem sich die vorliegende Seite befindet, umfasst Arbeiten aus dem Raum Italien. Er gehört in der Sammlungsstruktur zur Sektion 1, welche vornehmlich Grafiken beinhaltet, bei welchen Erfindung und druckgrafische Ausführung meist in der Hand derselben Künstlerin bzw. desselben Künstlers liegt. Es ist der 3. Klebeband dieser Sektion. Über den Bereich „Verbundene Objekte“ können Sie den gesamten Klebeband einsehen.
Text

Die genauen Lebensumstände des Formschneiders Giovanni Gallo sind bislang weitestgehend unbekannt. In der früheren Literatur wurde er aufgrund seines Namens als Franzose angesehen, der aber immer in Italien gelebt habe, wohingegen andere Autoren eine Herkunft aus der Lombardei annahmen (vgl. Pittaluga 1930, S. 329,Anm. 42; Servolini 1932, S. 92). Gut möglich ist die von A. Zezza (2003, S. 255, Anm. 48) kürzlich geäußerte Ansicht, Gallo sei mit einem gewissen »Joannes Gallo pittore da Anversa« identisch, der 1595 in einem Dokument als Zeuge bei einer Hochzeit in Neapel dokumentiert ist. Von Gallo ist eine Anzahl von Clair-obscur-Holzschnitten nach Erfindungen von Marco Pino bekannt. Marco ist einer der herausragenden Künstler der jüngeren Generation der Manieristen, der mit den bedeutendsten in Siena, Rom und Neapel tätigen Malern in Kontakt getreten ist. 1521 in Siena geboren, war er seit 1536 in der Werkstatt von Beccafumi tätig, dessen Einfluss Zeit seines Lebens wirksam blieb. Bei seinem Aufenthalt in Rom von 1544 bis 1552 arbeitete er mit Perino del Vaga und später mit Daniele da Volterra zusammen und lernte wahrscheinlich auch Michelangelo persönlich kennen (Zezza 2003, S. 76ff.). Ab 1552 entfaltete er eine rege Tätigkeit in Neapel, wo ihn unter anderen die Werke von Polidoro da Caravaggio beeinflussten. Nach einem erneuten Aufenthalt in Rom (1568–1570) kehrte Marco nach Neapel zurück, wo er 1583 starb. Er nimmt in seinen Gemälden die vielfältigen Einflüsse der Künstlerkollegen auf, entwickelt diese aber weiter, transformiert sie in einen individuellen Stil, den ein Reichtum heller, brillanter Farben, ein lebendiges Helldunkel und ein Hang zu narrativer Vielfalt kennzeichnet, die seine Sieneser Herkunft verraten. Der heutigen Ansicht zufolge sind Gallos Clair-obscurs zu der Zeit von Marcos später Schaffensphase in Neapel entstanden (Zezza 2003, S. 255, Anm. 48). In dieser Zeit scheint sich Marco mit der Wiedergabe seiner Erfindungen in Farbholzschnitten befasst zu haben. So war Mitte der 1570er Jahre der Kalabreser Maler und Druckgraphiker Antonio Spano in seiner Werkstatt tätig, der in einem Dokument angibt, auf eine neuartige, gewinnbringende Drucktechnik gestoßen zu sein und ein Blatt nach einer Zeichnung des Perseus von Marco angefertigt zu haben. A. Zezza (2003, Kat. D.1) zufolge handelt es sich möglicherweise um einen Clair-osbcur-Holzschnitt (Albertina Inv. DG2002/589), der bislang als Kopie nach Gallos Perseus mit dem Haupt der Medusa angesehen wurde, was m. E. aus weiter unten darzulegenden Gründen unwahrscheinlich ist. Zwischen dem Kalabresen und Marco kam es allerdings zu Unstimmigkeiten über die Höhe des Anteils, der Ersterem für die Drucke zukommen sollte (Zezza 2003, S. 196ff.). Eine Entstehung der Holzschnitte Gallos in Neapel in den 1570er Jahren ist auch deswegen wahrscheinlich, weil sie nahezu alle Erfindungen Marcos aus dieser Zeit wiedergeben. In diesen Jahren hat der Maler nur noch wenige Fresken und vor allem großformatige Tafelbilder geschaffen. Ferner existiert im British Museum (Inv. Nr. 1870,1008.1984) ein reiner Linienholzschnitt mit der Darstellung der mystischen Vermählung der hl. Katharina von Alexandrien, die von Gallo signiert und 1578 datiert ist. Es ist das einzige mit einem Datum versehene Blatt, das einen wichtigen Anhaltspunkt für die Entstehungszeit seiner Drucke liefert.

Die Gestalt des Perseus, der auf dem Leib der getöteten Medusa steht, in seiner Linken den abgeschlagenen Kopf der Gorgone und in der Rechten das Schwert hält, ist in seiner Pose Marco Pinos Erzengel Michael in Sant’Angelo a Nilo verwandte. Links ist das geflügelte Ross Pegasus zu erkennen, das der blutenden Wunde entsprungen ist. Die Tierkreiszeichen Zwillinge, Krebs und Löwe (22. Mai bis 22. August) veranschaulichen die Aufnahme des Perseus als Sternbild im Himmel. Wie Kain und Abel kennzeichnet das Blatt eine malerisch-offene Gestaltung, bei der die schwarze Strichplatte nur noch Akzente setzt. In der Albertina befindet sich ein Exemplar, das nur mit zwei Tonplatten gedruckt ist (Albertina, Inv. DG2002/588). Ferner existiert ein Clair-obscur in drei Platten (Albertina, Inv. DG2002/589 und Inv. DG2002/590), den man häufig als gegensinnige Kopie eines anonymen Formschneiders nach Gallos Perseus bezeichnet hat (B. XII, S. 124f., Nr. 25). Dagegen sprechen die verschiedenen Veränderungen, von denen die auffälligsten die andersartige Positionierung von Schwert und Gorgonenhaupt sowie die Weglassung der Tierkreiszeichen und des Pegasus sind. Der geschmeidige Fluss der Bewegungen ist eng mit den Figuren in der Beweinung Christi vergleichbar, und auch die Technik gleicht der von Gallos gesicherten Werken. Wie bei diesen finden sich großflächige, wie laviert anmutende Verschattungen, aus denen sich zum Licht hin feine Schraffuren herauslösen, als fransten diese Partien aus. Vergleichbar sind auch die scharf geschnittenen Lichthöhungen, die sich wie Gazestreifen über die Gliedmaßen legen. Die aus parallelen runden Linien gebildeten Wolken finden sich ähnlich im Blatt mit der Heiligen Familie mit dem Johannesknaben wieder. Die Ruine im Hintergrund ist ein beliebtes Motiv in zahlreichen Gemälden Marcos und gewiss keine freie Hinzufügung des Formschneiders. Die Ausführung des Blattes stammt somit wohl gleichfalls von Gallo, der vermutlich eine zweite, etwas vereinfachte Zeichnung des Themas von Marco Pino als Vorlage für diese Fassung verwendet hat.


Literatur:
Nagler 1835–1852, Bd. 5, 1837, S. 3; Servolini 1932, S. 92; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 119; Siena 1980, Nr. 84 (Text v. F. Bellini); Karpinski 1983, S. 198; Zezza 2003, V. 48, Kat. D 10, Tav. 49

 

 

 

Catalogue raisonné
  • Bartsch XII.124, 25
  • Le Blanc II.266.4
  • Bibliography
  • Achim Gnann, AK, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, Nr. 188
  • Provenance
  • Mariette
  • Desneux
  • Albertina

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    Last edited20.01.2015