Mars
Hendrick Goltzius
um 1588/1589
Auf dem Clair-obscur-Holzschnitt und seinem Pendant (Albertina, Inv. DG74536) erscheinen die olympischen Götter Mars und Bacchus mit ihren jeweiligen Tierkreiszeichen, Widder und Skorpion, und den dazugehörigen astrologischen Symbolen, die einem »V« bzw. einem »m« ähneln. Wie bereits O. Hirschmann festgestellt hat, gehören die beiden Blätter zu einer offenbar geplanten, aber nicht zur Ausführung gelangten Folge von Monatsbildern in Gestalt klassischer Gottheiten. W. Ames zufolge sind Bacchus und Mars aber auch als Pendants aufzufassen, da die Kriegswaffen des Mars beim Armilustrium, einer religiösen Feier im Monat Oktober (Tierkreiszeichen Skorpion), einer rituellen Reinigung unterzogen und für die Lagerung im Winter bereit gemacht wurden. Ferner sind die beiden Götter in ihren Posen aufeinander ausgerichtet und ergeben dadurch ebenfalls ein Paar. M. Leesberg hat jüngst anhand der Beschädigungen der Holzstöcke, die sich vor allem an den zunehmenden Ausbrüchen der dunklen Umrahmungslinie ablesen lassen, die Abfolge der Druckzustände beider Blätter bestimmt. Im ersten Zustand verwendete Goltzius neben der Strichplatte nur eine Tonplatte, beim Bacchus die dunklere (vgl. Albertina, Inv. HB79.3, p. 83), beim Mars die hellere. Allerdings weisen die Platten in diesen frühen, in bräunlichen Farben gehaltenen Drucken bereits Beschädigungen auf. Im zweiten Zustand fügte der Künstler eine weitere Tonplatte hinzu. Für diese Exemplare wurden ockerfarbene und braune bzw. bräunliche und grüne Töne verwendet. Künstlerisch befriedigend wirken erst die in drei Platten gedruckten Exemplare, zumal beim Bacchus erst im zweiten Zustand das ligierte Monogramm des Künstlers erscheint. Ferner erhält der füllige Gott des Weines erst durch den Zusatz der hellen Tonplatte seine vollrunde Körperlichkeit. Der über seinem Arm liegende Teil des Fells ergibt erst dann eine vollständige Form, wenn er durch die Lichthöhung ergänzt wird, die aus der hellen Tonplatte ausgespart ist. Eindrucksvoll ist der trunkene Zustand des Gottes charakterisiert, der mit einem durchgestreckten und einem baumelnden Bein mühsam das Gleichgewicht hält und den Kopf kaum mehr aufrecht zu halten vermag. Beim Bacchus macht der Künstler noch ausgiebig Gebrauch von der Strichplatte zur Modellierung des Körpers und der Umschreibung der Einzelheiten. Ähnlich lineare Akzente setzt die dunkle Tonplatte, welche die Schraffuren der Linienplatte an den vom Licht bestrahlten Partien des Körpers weiterführt. Der Bacchus schließt stilistisch eng an der Serie der Götterpaare an und dürfte etwa im selben Zeitraum entstanden sein. Etwas später zu datieren ist vermutlich der Mars, bei dem die Linienplatte reduzierter verwendet wird und vor allem in den Schattenpartien Akzente in Form kurzer Linien setzt. Die dunkle Tonplatte bildet nun größere geschlossene Flächen und ist wesentlich für die Modellierung und Binnenartikulation des Körpers verantwortlich. Die stärker malerische Auffassung gibt sich auch bei der Gestaltung der Vegetation zu erkennen, die wie mit breiten Pinselstrichen hingesetzt, beim Bacchus hingegen mehr zeichnerisch angedeutet ist. Wie N. Bialler beobachtet hat, kehrt Bacchus spiegelbildlich in nahezu identischer Pose in einem Stich aus der Serie der vier Jahreszeiten wieder, die Jacob Matham 1589 nach Entwürfen von Hendrick Goltzius gestochen hat (Amsterdam und Cleveland 1992–1993, Fig. 75). Etwa in dieser Zeit, um 1589/90, dürften auch die beiden Monatsbilder entstanden sein.
Literatur: Hirschmann 1921, Nr. 365 II; Ames 1949, S. 428ff.; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 199; Strauss 1973, Nr. 125 II; Amsterdam und Cleveland 1992–1993, Nr. 34; Leesberg 2012, Bd. 2, Nr. 302 IIb
