Herkules erschlägt Cacus
Hendrick Goltzius
1588
Blatt: 42,5 × 34,5 cm
Das Blatt Herkules erschlägt Cacus ist der größte und wohl eindrucksvollste Clair-obscur-Holzschnitt von Goltzius und zugleich der einzige, der mit einem Datum (1588) versehen ist. Cacus, ein Sohn Vulkans, war ein riesenhafter feuerspeiender Räuber, der das Tor seiner Höhle am Abhang des Aventins mit den Knochen und Schädeln seiner Opfer verzierte. Als Herkules die dem Geyron entwendeten Rinder in diese Gegend brachte, übermannte ihn der Schlaf, woraufhin Cacus ihm ein Teil der Herde raubte. Um seinen Verfolger mit falschen Spuren zu verwirren, zog er sie an den Schwänzen rückwärts in seine Höhle. Das Brüllen der Tiere verriet jedoch den Dieb, den Herkules nach einem erbitterten Kampf mit der Keule erschlug, nachdem dieser vergeblich um Hilfe seiner Kameraden gerufen hatte. Die Gestaltung der Figuren mit stark hervortretender, nahezu hervorquellender Muskulatur ist charakteristisch für Werke Goltzius’ in dieser Zeit und findet seine stärkste Ausprägung in dem Kupferstich Der Große Herkules von 1589 (Hirschmann 1921, Nr. 143). In den starken Verkürzungen der Körper und dem sie umhüllenden Helldunkel ergeben sich ferner Parallelen zu den 1588 datierten Blättern Tantalos, Ikaros, Phaeton und Ixion, den sogenannten vier Himmelstürmern, die Goltzius nach Entwürfen von Cornelis van Haarlem gestochen hat (Hirschmann 1921, Nr. 306–309). Nach Cornelis van Haarlem hat Goltzius auch die Darstellung Die Gefährten des Kadmos, durch den Drachen erwürgt (Hirschmann 1921, Nr. 310) gestochen, von der die Haltung des Oberkörpers von Cacus in dem Clairobscur- Holzschnitt abgeleitet ist (Amsterdam, New York und Toledo 2003–2004, S. 101). Man hat des Weiteren darauf hingewiesen, dass Gian Giacomo Caraglios Kupferstich Herkules tötet Cerberos (B. XV, S. 85, Nr. 44) nach einem Entwurf von Rosso Fiorentino die Darstellung von Goltzius angeregt hat. Möglicherweise kannte der Künstler auch Hans Sebald Behams Kupferstich Herkules erschlägt Cacus von 1545 (Nürnberg 2011, Nr. 56E), in dem sich die Posen der beiden Kämpfenden vergleichen lassen, wenngleich sie nicht wie bei Goltzius räumlich komplex, sondern parallel zur Bildebene angeordnet sind. Wie bereits K. Oberhuber festgestellt hat (Wien 1967–1968, S. 214), folgt Goltzius in dem Holzschnitt der Manier von Antonio da Trento, indem die schwarze Strichplatte die Darstellung vollgültig wiedergibt, das heißt, alle wesentlichen Elemente der Zeichnung enthält. Vergleichbar sind etwas Antonios Narziss oder die Madonna mit der Rose (Albertina, Inv. DG2002/536 und Inv. DG2002/426), die allerdings nur mit zwei Platten gedruckt sind. Die Linienführung mit ihren dichten Schraffuren, längeren und kürzeren welligen Lagen, die sogar an- und abschwellen, kommt dabei der Manier der in Kupfer gestochenen Blätter von Goltzius sehr nahe. Es existieren auch Abzüge der Darstellung von der Strichplatte allein (vgl. Exemplar aus der Slg. Baselitz Wien 2013, Nr. 159), bei dem es sich jedoch um einen späteren Druck als der Clair-obscur handeln muss, da die Linienplatte bereits stärkere Beschädigungen durch Wurmlöcher aufweist. Dass der Künstler von Anfang an eine Vervollständigung des Holzschnitts durch Tonplatten beabsichtigt hat, beweisen die Signatur des Künstlers und das Datum, die aus der dunklen Tonplatte ausgeschnitten sind und somit erst im Clair-obscur sichtbar werden. Zudem erhält die Darstellung erst durch den Zusatz der Farbe ihre expressive Wirkung. Das Licht fällt von links durch den Höhleneingang ein, gleitet an den Figuren entlang nach vorne und bindet sie in einer raumführenden Diagonale nachdrücklich zusammen. Der Kontrast zwischen den hellen Partien und der weitgehend verschatteten Umgebung steigert zusätzlich die Dramatik der Handlung. Dabei fällt auf, dass die dunkle Tonplatte große, geschlossene Flächen bildet und der Körper nur an den vom Licht bestrahlten Stellen in feinen gezackten Formen endet, welche die schwarzen Linien der Strichplatte weiterführen. Auf dem Abzug der Strichplatte allein wirken die Linien etwas spröde und die Übergänge verlaufen nicht vollkommen harmonisch. Erst durch die zusätzlichen Tonplatten werden die Linien zusammengebunden und erhalten einen dynamischen Fluss, der die Szene einheitlicher und geschlossener anmuten lässt. Ferner sind manche Details, wie der Übergang zwischen dem Qualm des feuerspeienden Cacus und dem direkt neben ihm stehenden Rind, undeutlich und bedürfen somit der Klärung durch Farbe und Licht. Wie N. Bialler (Amsterdam und Cleveland 1992–1993, Nr. 25) und M. Leesberg (2012, Bd. 2, Nr. 304) anhand einer Zusammenstellung der Exemplare aufgezeigt haben, existieren Abzüge in unterschiedlichen Farbvarianten. Ferner kommen auch Drucke mit nur einer zusätzlichen Tonplatte vor (Tokio 2005, Nr. 44-b). Das hier besprochenen Blatt trägt am unteren Rand die Aufschrift »Ghedruckt t’Amsterdam by Willem Ianssen in de vergulde Sonnewyser«. Es existieren auch Exemplare mit einer leicht abgewandelten Adresse von Willem Jansz. Blaeu, der diese Blätter um 1615 gedruckt hat.
Literatur: Hirschmann 1921, Nr. 373 III; Ames 1949, S. 426ff.; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 219–220; Wien 1967–1968, Nr. 317; Strauss 1973, Nr. 134 IV; Amsterdam, New York und Toledo 2003–2004, Nr. 34 (Text v. N. M. Orenstein); Leesberg 2012, Bd. 1, S. LVI, Bd. 2, Nr. 304 Ih
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