Schiffe vor Felsküste
Hendrick Goltzius
um 1605-1620
Cornelis Claesz. van Wieringen wurde um 1580 in Haarlem geboren und verstarb dort am 29. September 1633. Er wurde stark beeinflusst von Hendrick Vroom, der als der Vater der holländischen Marinemalerei gilt. Van Wieringen war eng befreundet mit Cornelis Cornelisz. van Haarlem und mit Hendrick Goltzius, dessen Schüler er wahrscheinlich gewesen ist. In seinen Gemälden, von denen erstmals eines 1616 datiert ist, sowie in seinen Wandteppichen illustriert der Künstler häufig spezifische Seeschlachten in repräsentativen Kompostionen und monumentalen Formaten. In seinen zahlreichen Zeichnungen (vgl. Keyes 1979) hält er hingegen vorzugsweise alltägliche Szenen von Segelschiffen auf hoher See ohne spezifisch historischen oder topographischen Bezug fest. Die Szenen entspringen teilweise der Phantasie, doch kam es dem Künstler auf die korrekte Wiedergabe der Wellen und Schiffe sowie deren Segelstellung in Entsprechung zur jeweiligen Windrichtung an, Elemente, die für die spätere Marinemalerei wesentlich wurden (Wien 1967–1968, S. 218). In dem Clair-obscur-Holzschnitt, der mit dem ligierten Monogramm »CVW« bezeichnet ist, zeigt van Wieringen einen Dreimaster, dem von der Küste aus ein Ruderboot entgegenkommt, und im Hintergrund weitere Schiffe. Kurz zuvor hat ein Sturm die See aufgewühlt, doch nun hat sich das Unwetter verzogen. Der Himmel reißt auf, und erste Sonnenstrahlen dringen durch die Wolken, streifen über Boote und Wasser. Eine Federskizze des Künstlers in Dresden (Kupferstich- Kabinett) zeigt ähnliche Motive (Reznicek 1961, Bd. 1, A XXXIII; Abb. 85), doch diente dieses Blatt nicht als Vorlage für den Clair-obscur, da auf diesem der Sturm noch wütet und die Anordnung der Boote differiert. In der Linienführung mit ihren langen, dicht aneinandergesetzten Federstrichen, die skizzenhaft, fast krakelig anmuten, sowie in der Gestaltung des Himmels mit langen Schraffuren, aus denen Teile der Wolken ausgespart sind, steht das Werk Federzeichnungen von Goltzius nahe, der selbst Entwürfe für derartige Seestücke mit Schiffen geschaffen hat (vgl. Amsterdam und Cleveland 1992–1993, Nr. 54). Angesichts der engen Bezüge zwischen den beiden Künstlern wird auch erklärbar, warum der Holzschnitt traditionell als ein Werk von Goltzius angesehen wurde. N. Bialler (vgl. Amsterdam und Cleveland 1992–1993, S. 212f.) hat jedoch darauf hingewiesen, dass Goltzius kaum die Zeichnungen eines befreundeten Künstlers in Holz geschnitten hat, zumal dies in einer Zeit um 1605 bis 1620 geschehen sein müsste, als sich Goltzius selbst nicht mehr mit Druckgraphik, sondern vor allem mit der Malerei befasste. Die Zuschreibung an Goltzius ist womöglich mit der Nähe des Seestücks zu dessen Clair-obscurs wie der Serie der vier Landschaften (Abertina, Inv. DG2008/239, Inv. DG2008/240, Inv. DG74557 und HB79.3, p. 82) zu begründen. Die Gestaltung der mittleren Tonplatte in breiten, wie wässrig verlaufenden Flächen, welche die Darstellung zusammenfassen und zugleich deren zentrale Elemente hervorheben, sowie die Form der in langen Streifen verlaufenden hellen Wolkenfelder sind unmittelbar vergleichbar. Auch der skizzenhafte Verlauf der Linien der schwarzen Strichpatte zeigt Bezüge. Gegenüber den Landschaften von Goltzius wirken diese jedoch offener, weniger systematisch und weniger auf die sorgfältige Durchgestaltung der Details bedacht, was aber durch die Vorlage von Cornelis Claesz. van Wieringen begründet sein kann. Vermutlich wurden somit die Serie der vier Landschaften sowie die Schiffe vor Felsküste von dem gleichen Formschneider ausgeführt. Bei den Schiffen vor Felsküste wurde im ersten Zustand nur die Strichplatte auf blauem Papier gedruckt. Die Hinzufügung der beiden Tonplatten, die in zwei Tönen von Grün oder von Braun gedruckt wurden, erfolgte erst etwas später, was anhand kleinerer Beschädigungen (Wurmlöcher) in der Strichplatte nachgewiesen werden kann. Es gibt ferner noch Abzüge mit der unterhalb der Darstellung aufgedruckten Adresse »t’Amsterdam, Ghedruckt by Willem Jansen«. Laut N. Bialler könnte Jansen von Beginn an für den Druck des Holzschnitts verantwortlich gewesen sein.
Literatur: Seibt 1891, S. 67 (nach Goltzius); Hirschmann 1921, Nr. 382 (Hendrick Goltzius); Ames 1949, S. 429; Wien 1967–1968, Nr. 324–325; Strauss 1973, Nr. 133 II (Hendrick Goltzius nach Cornelis Claesz. van Wieringen); Van Thiel 1978, S. 9f.; Keyes 1979, S. 23f.; Strauss 1982, S. 281 S2 (Hendrick Goltzius nach Cornelis Claesz. van Wieringen); Amsterdam und Cleveland 1992–1993, Nr. 60 IIa; Tokio 2005, Nr. 55
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