Schwebende mit ausgestrecktem linkem Arm (Studie für den 1. Zustand von "Die Medizin")
Gustav Klimt
1900/01
Rahmenaußenmaß 70 × 50 × 3,4 cm
Gustav Klimt, der älteste Sohn des Goldgraveurs #Ernst Klimt sen., studierte von 1876 bis 1883 an der Wiener Kunstgewerbeschule; seine Hauptfächer waren Zeichnung und Malerei. Mit #Franz Matsch und seinem Bruder #Ernst bildete Gustav Klimt von 1880 bis 1892 eine erfolgreiche Arbeitsgemeinschaft, die in öffentlichen Gebäuden mehrere dekorative Aufträge ausführte. Im Laufe der 1890er-Jahre vollzog sich seine Wende vom Historismus zum Symbolismus; 1897 wurde er zum Präsidenten der neu gegründeten "Secession" ernannt.
Meilensteine seiner modernen Monumentalkunst sind die drei Fakultätsbilder, deren Präsentationen in der Secession (1900, 1901 und 1903) jeweils großes Aufsehen erregten. Den Höhepunkt seiner secessionistischen "Stilkunst" bildet der Beethovenfries (1902). 1905 verließ Klimt mit einer Gruppe von gleichgesinnten Kollegen die Vereinigung. In der Kunstschau (1908) stellte er die Hauptwerke seiner "Goldenen Periode" aus, darunter das Gemälde "Der Kuss". In seinen Landschaften, Porträtbildern und Allegorien lockert sich ab 1910 sein Pinselstrich; er lässt den Goldenen Stil hinter sich und malt - vor allem beeinflusst von seinen französischen Zeitgenossen - in kräftigen, leuchtenden Farben.
Seine rund 4000 erhaltenen Zeichnungen entstanden zum Großteil im Zusammenhang mit den Allegorien und den Porträtgemälden; fast alle Blätter sind dem Studium großteils weiblicher Modelle gewidmet. Schon zu Lebzeiten war Klimt vor allem durch seine erotischen Linienschöpfungen berühmt.
Die Zeichnung einer schwebenden Frauengestalt entstand für das 1901 erstmals präsentierte Fakultätsbild Medizin. Bereits 1894 erhielten Franz Matsch und Gustav Klimt den Auftrag, die Decke der Universitätsaula mit allegorischen Deckengemälden der verschiedenen Wissenschaften zu dekorieren. Unter dem Einfluss des Symbolismus setzte Klimt sich in diesem Rahmen erstmals intensiv mit den großen Lebensfragen auseinander, die ihn dann während seiner ganzen Laufbahn beschäftigen sollten. Die Studien zu den Einzelfiguren seiner ersten beiden Allegorien "Philosophie" (1900) und "Medizin" (1901) zeugen von der ständigen Suche nach der die jeweilige Gemütslage möglichst treffenden Formel. Die Stellungen und Gesten der somnambulen, dem Schicksal ausgelieferten Gestalten wirken dabei wie von oben diktiert. In der umfangreichen Studiengruppe für die figurenreiche Medizin sind alle Alterskategorien und unzählige Stadien des seelischen und körperlichen Leidens vertreten.
In diesem Rahmen nimmt die Serie der Studien für die im Weltraum schwebende junge Frau, die ihre Hand nach der "leidenden Menschheit" ausstreckt, eine Sonderstellung ein. Die Zeichnung, zweifellos der Höhepunkt innerhalb der Studiengruppe, kann als eine vollendete Korrelation von Stil und Ausdruck bezeichnet werden. In dieser Arbeit konzentriert Klimt sich ganz auf die bogenförmige Gesamtbewegung der Konturen und der Parallelschraffen, wobei er die Füße unausgeführt lässt und den erhobenen Arm im Ansatz darstellt; nur flüchtig deutet er den wie im Schlaf geneigten Kopf an. In diesem sich verführerisch vorwölbenden und gleichzeitig entschwindenden Frauenkörper zeigt sich exemplarisch die Klimt kennzeichnende Verbindung von Sinnlichkeit und Metaphysik.
vgl. Marian Bisanz-Prakken, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 207.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/1765/schwebende-mit-ausgestrecktem-linkem-arm-studie-fur-den-1Image Request