Die Wintersonne
Emil Nolde
1908
Rahmenaußenmaß 56,5 × 68,8 × 3,5 cm
Vor allem mit seiner Druckgrafik ist Emil Nolde schon 1905, Jahre vor der Vollendung des reifen Brücke-Stils um 1910/11, als deutscher Expressionist "avant la lettre" zu bezeichnen. Er trat der in Dresden gegründeten Künstlergruppe "Brücke" erst ein Jahr nach ihrer Gründung 1905 bei und gehörte ihr als ältestes Mitglied kaum zwei Jahre lang an. Seine anders gearteten künstlerischen Bestrebungen ließen ihn neue Wege suchen.
Noldes lebenslange Verbindung mit den Marschen und dem Meer seiner schleswig-holsteinischen Heimat sowie mit den Farben der Südsee, die er 1914 bereiste, haben ihn im allgemeinen Bewusstsein nicht nur zu einem der größten Aquarellisten des 20. Jahrhunderts, sondern auch zum Spezialisten für dramatisch kolorierte Meerstücke werden lassen.
In dem vorliegenden Blatt geht die Sonne nicht über dem Meer auf, wie dies der Vergleich mit zahlreichen Seelandschaften des Künstlers nahezulegen scheint, sondern über dem Hochplateau von Cospeda bei Jena. Nolde war Ende Februar 1908 anlässlich seiner Ausstellung im Jenaer Kunstverein bei seinem Freund und Förderer #Hans Fehr zu Besuch. Um ungestört arbeiten zu können, zog er sich in ein Gasthaus im nahe gelegenen Cospeda zurück, von wo aus er Streifzüge in die Umgebung unternahm. Ein neuerlicher Wintereinbruch verwandelte die Natur über Nacht. Damals sollen zwei Gemälde und vierzig Aquarelle entstanden sein, von denen neben unserem Blatt noch ein weiteres "die rotglühende Sonne über Schneematsch niedergehend" zeigt (Emil Nolde, zit. nach Karl-Ludwig Hofmann in: AK Karlsruhe 2002/03, S. 116; Sonne über Schneematsch, Abb. S. 124).
Nolde will bei dieser abendlichen Arbeit auf dem Bauch im Schnee gelegen haben, wie er Hans Fehr seine Aquarelle erklärte (Hans Fehr, zit. in: AK Karlsruhe 2002/03). Wahrscheinlich waren diese nasskalt und frierend erlebten Sonnenuntergänge für seine Naturauffassung und Aquarelltechnik von größerer Bedeutung als die freundschaftlichen Kontakte zu den Brücke-Malern, mit denen er gemeinsam ausgestellt hatte.
Marietta Mautner Markhof, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 225.
