Komposition ohne Titel
Wassily Kandinsky
1915
Als gebürtigem Russen blieb Kandinsky bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges nichts anderes übrig, als München zu verlassen. Er hatte seit 1896 mit wenigen Unterbrechungen in Bayern gelebt, in der Hauptstadt studiert, gelehrt und sich durch internationale Ausstellungserfolge als führender Vertreter der europäischen Avantgarde etabliert. Den erzwungenen Abschied erlebte er als wahren Albtraum, vor allem deshalb, weil er seine Bilder zurücklassen musste. Das in Bayern entstandene Werk des Mitbegründers der "Neuen Künstlervereinigung München" (1909) und Verfassers der epochalen Schrift "Über das Geistige in der Kunst" (1910) wurde ab 1911 nicht nur zu einem Grundpfeiler der Künstlergruppe "Der blaue Reiter", sondern der Bildkultur des 20. Jahrhunderts schlechthin.
Das vorliegende Blatt entstand, nachdem Kandinsky nach Moskau zurückgekehrt war: Ohne Zugriff auf sein deutsches Bankkonto oder seine Moskauer Ressourcen, beschränkte er sich zunächst auf kleinformatige Arbeiten auf Papier, da er weder über teure Leinwände noch über ausreichend Arbeits- und Wohnraum verfügte. In einigen Aquarellen rekapitulierte er einige früher in Bayern entwickelte, abstrakte Kompositionen, darunter auch jene für das "Bild mit weißem Rand / Moskau 2" von 1913 (Solomon R. Guggenheim Museum). Wie dort ist auch im Aquarell eine reduzierte, mit der Lanze bewehrte Gestalt eines heiligen Georg zu erahnen, während das quallenartige Gebilde links unten mit seinen gestreiften Fangarmen auf lindwurmartige Ungeheuer zurückgeht, die in früheren Werken Kandinskys noch identifizierbar sind.
Ebenso wie mit der Komposition "Blaugold", einem gleichformatigen Aquarell auf demselben bräunlichen, billigen Papier aus dem Besitz der Albertina (Inv. DL75), scheint sich Kandinsky nicht lange vor dem Ausbruch der russischen Revolution verlorene Teile seines Schaffens aus unbeschwerteren Zeiten in eine bedrohliche Gegenwart zurückgeholt zu haben (vgl. Endicott Barnett 1992, Nr. 397; AK Albertina 2003/04 a, S. 220; AK London 1999, S. 55).
Marietta Mautner Markhof, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 231.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/19275/komposition-ohne-titelImage Request