Porträt von Jeanne Natoire (?), der Schwester des Künstlers Charles-Joseph Natoire
Jean Étienne Liotard
um 1750
Der französisch-stämmige Genfer Pastell-und Emailmaler Jean-Étienne Liotard zählt zu den wichtigsten Porträtisten des 18.Jahrhunderts, dessen auf das Wesentliche zielende Darstellungen in Verbindung mit einem spannungsreichen Kräftespiel der Farben und zunehmenden Verzicht auf räumliche Dimension zukunftsweisende Impulse erkennen lassen.
Nach einer Ausbildung als Miniaturmaler und Stecher in Genf, versuchte sich Liotard in Paris zunächst erfolglos auf dem Gebiet der Historienmalerei. Auf Anraten François Lemoyne´s konzentrierte er sich zunehmend auf die Porträtmalerei, vor allem auf Pastell-und Miniaturbildnisse, die ihm bald zahlreiche Aufträge sowie wachsenden Erfolg eintrugen. Unermüdlich ist er auf Reisen, die ihn 1738 nach Konstantinopel führen, wo seine Begeisterung für die türkische Tracht geweckt wird. Zeit seines Lebens zeigt er eine besondere Vorliebe für die orientalische Mode. Sein extravagantes Auftreten mit Vollbart und in türkischem Gewand trägt ihm den Beinamen „Peintre turc“ ein. Während seines vierjährigen Aufenthaltes in Konstantinopel perfektioniert er die ihm eigene Präzision in der genauen Schilderung des Gesehenen. Als besonders fruchtbar erwies sich dabei seine eigentliche Herkunft von der Miniaturmalerei, vor allem von der Emailmalerei, deren ästhetische Qualitäten wie das detailreiche Erfassen des Naturvorbildes, wie möglichst leuchtende kraftvolle Farben er virtuos in die Pastelltechnik zu übertragen verstand. Sein wachsender Ruf als Porträtist führte den Kosmopoliten Liotard an die bedeutendsten Höfe Europas. Besonders geschätzt wurde er in Wien, wo Kaiserin Maria Theresia sich und ihre Familie mehrmals porträtieren ließ (vgl. dazu Koschatzky 1980, pp-308-319).
Realistische Darstellungsweise verbindet sich in seinen Werken mit psychologischer Erfassung des Individuums, mit Eleganz, Finesse und Lebendigkeit. Betont malerische Qualitäten wie eine samtig schimmernde, leuchtende Oberflächenstruktur und ein häufig extrem nahsichtiger Blickwinkel verleihen seinen Porträts eine starke unmittelbare Präsenz und forcieren dadurch den direkten Bezug zum Betrachter, was auch in dem vorliegenden Mädchenbildnis der Albertina spürbar ist. Um wen es sich bei der Dargestellten handelt, lässt sich nicht eindeutig klären. Der von Benesch (op.cit.) und auch 1973 in der Meisterzeichnungen-Ausstellung in Moskau (op.cit.) angeführte Titel „Gattin des Malers Natoire“ ist sicher falsch, da Charles-Joseph Natoire nie verheiratet war. Desweiteren wurde auch Natoire´s Mutter als mögliches Modell in Erwägung gezogen. Da sie aber eine ca. 1729 entstandene Zeichnung ihres Sohnes bereits als ältliche Dame zeigt (Montpellier, Musée Atger), kommt sie als Sujet der Liotard-Zeichnung - zeitlich gesehen - wohl kaum in Frage. Mit großer Wahrscheinlichkeit stellt das Frauenbildnis, wie Both de Tauzia bereits 1888 schlüssig anmerkte, Jeanne Natoire, die Schwester des Malers Natoire dar, die wie ihr Bruder unverheiratet blieb und ihm den Haushalt führte: „Mlle Natoire assise appuyée sur une table….C´est évidemment le portrait de la soeur du peintre qui accompaga son frère dans ses voyages…“ (op.cit.). Nach seiner Nominierung zum Direktor der französischen Akademie in Rom, zog Jeanne, die ebenfalls künstlerisch tätig war und Pastelle gezeichnet hat (Genf, Paris op.cit.) 1751 mit ihm gemeinsam in diese Stadt, wo sie bis zu ihrem Tod geblieben sind - Jeanne starb 1776, ihre Bruder im darauffolgenden Jahr. Nach Anne de Herdt (Genf, Paris op.cit.) müsste das Bildnis - sofern es tatsächlich Jeanne Natoire darstellt - 1750 in Paris, vor ihrer Abreise nach Rom entstanden sein. Der Reiz des Porträts, liegt vor allem in der weichen zarten Modellierung des Gesichtes, die den Miniaturmaler verrät. In der geschickten Handhabung der trois crayons-Manier zeigt sich Liotard noch stark Watteau verpflichtet, während die unterschiedliche Gestaltung von dem mit wenigen Strichen summarisch angedeutetem Gewand im Vergleich zum den äußerst subtil eingefangenen Gesichtszügen bereits auf die Bleistiftporträts Ingres´ vorauszuweisen scheint.
Im Besitz der Albertina befindet sich noch ein weiteres, in trois-crayons Manier ausgeführtes und stilistisch nah verwandtes Porträt von Liotard, das die berühmte Tänzerin Mademoiselle Camargo (Inv.12098) zeigt. Beide Zeichnungen, deren Authentizität in der Literatur bisher als unbestritten galt, wurden 2008 von Roethlisberger/Loche mit einer Reiher anderer, ebenfalls hautsächlich Kreidearbeiten, ohne nähere Angabe von Gründen aus dem Werk Liotards ausgeschieden (Roethlisberger, Loche op.cit.).
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/21562/portrat-von-jeanne-natoire--der-schwester-des-kunstlersImage Request