Doktor Baloardo hält eine Injektionsspritze in der Hand
Claude Gillot
zwischen 1694 und 1697?
Die erste Zuschreibung an Gillot stammt von Parker (1930 [2], p.53) und wurde von Bjurström (1982, Nr. 966) und zuletzt von Rosenberg, Prat (1996, R 830) bestätigt. Wir konnten keine nach dieser Zeichnung Gillots ausgeführte Radierung auffinden, doch steht das Blatt in Typus und Sujet den beiden Serien Gillots "Nouveaux Desseins d'Habillements à l'usage des Balets, Operas, et Comedies" (radiert von Joullain) und "Livre de Scenes Comiques" (radiert von Huquier) so nahe, daß es sich möglicherweise um einen verworfenen Entwurf zu einem Blatt aus einer von ihnen handeln könnte. Die Zeichnung ist im übrigen stilistisch und durch ihre ovale Einfassung einem Blatt im Schwedischen Nationalmuseum in Stockholm (Inv.Nr. NM CC VI:38) verwandt (siehe Bjurström 1982, Nr. 966). Im Cahier wurde die offenbar der Commedia dell'arte entlehnte Figur ganz allgemein mit "Un medecin tenant un syringe" beschrieben. Der "Doktor" bzw. auch "Dr. Baloardo" war eine beliebte Figur der Commedia dell'arte, die Pedanterie und Prüderie symbolisierte und deren Kostüm auf die akademische Tracht an der Universität von Bologna zurückging. Berühmte Schauspieler des Doktor Baloardo waren Angelo Lolli und Marco-Antonio Romagnesi. Es ist anzunehmen, daß auf der Albertina-Zeichnung letzterer festgehalten wurde, wie auch auf einer heute im Louvre aufbewahrten Zeichnung mit einer noch unentschiedenen Zuschreibung an Picard oder Simpol und auf der auf ihr beruhenden Radierung (siehe Washington, Paris, Berlin 1984, p.516, Abb. 42 und 43). Romagnesi hatte Lolli 1694 in dieser Rolle abgelöst; 1697 erfolgte die Verbannung der Commedia dell'arte aus Frankreich, so daß eine Ausführung des vorliegenden Blattes zwischen 1694 und 1697 erfolgt sein könnte. Jennifer Tonkovich (briefliche Mitteilung vom 8. März 2000) hat das Blatt in ihre Dissertation "Claude Gillot and the Theater" aufgenommen.
Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Heinz Widauer (Bearb.), Die französischen Zeichnungen der Albertina. Vom Barock bis zum beginnenden Rokoko. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. X, Wien/Köln/Weimar 2004, S. 217, Nr. 1044.
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