Stehender Putto, einen Ölzweig in der Hand, einen Schild in der Rechten
Raffaello Santi
um 1518-1520
Die Zeichnung galt traditionell als Raphael. Später dachte Wickhoff an einen Venezianer vom Ende des 16. Jahrhunderts (1892), Stix und Fröhlich Bum (Stix 1932) brachten sie mit #Giovanni Francesco Penni in Verbindung. Oberhubers Zuschreibung an #Giulio Romano setzte sich allgemein durch, bis F. Härb in jüngster Zeit das Blatt wieder Raphael zurückgegeben hat (vgl. Oberhuber 1992, S. 21, Nr. 2).
Der stehende Putto, der vermutlich in der Rechten einen Ölzweig hält und mit der Linken an einen Stoff oder an ein Wappenschild greift, ist wohl Fragment einer größeren Zeichnung mit einer dekorativen Darstellung. Wie bei dem "Putto mit dem Medici-Ring" (Berlin, Kupferstichkabinett), den Raphael für die Frieszone an der Nordwand des Konstantinssaales entworfen hat, ist der Körper in Untersicht gezeichnet, der Sockel durch eine waagerechte Linie angedeutet und der Blick des Puttos nach unten gerichtet. Es ergeben sich allerdings keinerlei Hinweise dafür, dass die Darstellung ebenfalls für den Konstantinssaal bestimmt war. Sicherlich entstand die Skizze aber zu derselben Zeit wie der Putto in Berlin, um 1518-1520, da der Zeichenstil engstens verwandt ist. Hier wie dort wird der Körper durch einen kräftigen Umriss angedeutet, der aber höchst differenziert ist und immer wieder an den Stellen absetzt, an denen die Drehbewegungen der Glieder anschaulich werden müssen. Mit wenigen Linien sind die Spannung des durchgestreckten Beines, die Verschiebung der Hüfte, die leichte Drehung des Oberkörpers und die unterschiedliche Lage der Schultern gezeichnet. So gleitet der Blick über Schulter und Arm zu dem nach vorne gestreckten Ölzweig, während der Arm auf der linken Seite weiter zurückgenommen ist. Zugleich ist die Bewegung vollkommen fließend und organisch. Mit großer Sicherheit ist das Lebendige, Leichte, Tänzerische festgehalten. Dabei wurde die Pose noch beim Skizzieren verändert, denn der Putto sollte ursprünglich das rechte Bein weit nach vorne strecken. In Giulios Zeichnungen werden die Formen dagegen vom Umriss fest umschlossen. Im Vergleich zu dem Blatt der Albertina scheinen die Figuren auf Giulio Romanos Entwurf für die Konstantinsszene im Louvre geradezu in die Fläche gepresst. Ängstlich füllt Giulio die Zwischenräume durch Schraffuren aus und verhindert dadurch jede räumliche Entfaltung. An vielen Stellen sind die Glieder ungeschickt verkürzt und verdreht, und die Bewegungen wirken wie von außen geleitet. Im Unterschied zu Giulio löst sich der Putto durch den Umriss und die Schraffuren vom Hintergrund. Alle Energie geht vom Inneren des Körpers aus, der damit vollkommen frei im Raum zu agieren vermag.
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 163, S. 235.
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